Das Ding im Hafen von Paradise Island sieht aus wie etwas Militärisches, breitschultrig, mit spitzer Nase: Das Powerboat. Bootsführer Nigel sagt – da dösen die Maschinen noch – man solle die Brille wegstecken und Sonnenkappe festhalten. Und legt den Hebel nach vorn. Die Aggregate röhren, die Gespräche verstummen. Der Rumpf hebt sich aus dem Wasser. Nassau bleibt hinter uns zurück.

Der Himmel besteht aus kompakten schwarzgrauen Wolken, die aussehen als wären sie bereit, eine Sintflut losbrechen zu lassen. Die See verharrt wie unter Schock bewegungslos, da schwappt keine Welle, da schäumt keine Krone. Aber hinter dem Heck des Bootes ist die Hölle los. Das Powerboat arbeitet nicht mit Schrauben, sondern mit Wasserdruck aus Düsen. Dies sei im flachen Revier der Bahamas günstiger, sagt der coole Nigel mit dem scharf geschnittenen Kinnbart. Es sei schon schwierig, mehr als zehn Meter Wassertiefe zu finden. Baja mar, flaches Meer, so nannten die Spanier diese See, daraus entstand Bahamas. Die 700 Inseln und zahllosen Cays sind nur die Spitzen auf einem flachen Sockel. Wir sind unterwegs zu einer dieser Spitzen, Ship Channel Cay, das am Rande der Bahamas liegt. Dahinter beginnt der tiefe Atlantik.

Nach dem ersten Schrecken ist das Gefühl, mit dröhnenden Maschinen über das Meer zu jagen, gewaltig. Alle einschlägigen Triumphmärsche mit Trompeten, Kesselpauken und schmetternden Hörnern fallen einem ein. Es fühlt sich an, als ob sich die Kraft der Motoren auf den Passagier überträgt. Der Fahrtwind zerrt an Kleidung, Regentropfen bohren sich wie Nadeln in die Haut, das Springen des Bootes auf die Wellen spürt man unter den Sohlen wie eine Bastonade. Über die Riffe jagend und sich den Böen entgegenstemmend überkommt einen ein grandioses James-Bond-Gefühl. In dieser Laune könnte man die Welt retten und Frauen glücklich machen. Sehr glücklich. Die Frisur ist natürlich im Eimer.

Als der Wind nachlässt und der Bug sich senkt, sind wir in einem anderen Film. Es ist heiß, der Himmel ist düster verhangen, weiter hinten liegen baumlose, flache Inseln. Vorsichtig manövriert Nigel das Boot gegen die Strömung an den Anleger. Der Steg steht auf hölzernen Stelzen. Dahinter steht ein Haus, das mitgenommen aussieht. Ein aufgeregter Rottweiler kommt uns entgegen. Die Triumphmärsche enden kläglich, werden überblendet von den Doors: "This is the end, my friend." Das hier sieht eher nach Apocalypse Now aus als nach einem Touristenvergnügen – willkommen bei Colonel Kurtz.

1929, da waren die Bahamas noch britisch, hat ein Sir Wallace sich ein Ferienhaus auf Ship Channel Cay gebaut und Schweine ausgesetzt. Das Haus wurde noch im selben Jahr durch einen Hurrikan ruiniert, denn das Inselchen liegt unglücklich in einer Hurrikan-Gasse. Sir Wallace gab auf. Aber die Schweine hielten durch, wandten sich vom zivilisierten Gehabe ab und verwilderten. Eines von ihnen liegt schlafend hinter dem Haus. Ein Schild sagt, man soll es nicht füttern, ein Blick auf die Hauer sagt, man soll es nicht anfassen.

Unsicher gehen wir auf das Haus zu. Unter dem Steg ein erstaunliches Bild: Im Wasser steht ein Tisch. Ein Schlächter mit einem langen Messer steht bis zu den Oberschenkeln im Wasser und zerlegt nach einem blutigen Ritual einen riesigen, dickschädligen Fisch. Rochen umspielen seine Knie. Das Wasser glitzert tückisch.
Wenig später geht es uns genauso. Wir stehen in einer Reihe knietief im kristallklaren Wasser, umschwärmt von Rochen und Haien. Vor uns steht Brownie, der Zeremonienmeister. Brownie trägt schwarze Afrolocken und das blendende Lachen, das guter Laune entspringt. "Brownie" steht in einem großen Tattoo auf seinem Bauch. Sieht man ihm zu, kann es keinen schöneren Job geben als im Meer zu stehen und aufzupassen, dass die Haie den Fütterer nicht mit dem Futter verwechseln.