Der Schicksalsbaum (Linn)

Von der historischen Stadt Brugg gelangt man mit dem Postauto in Richtung Effingen zur Haltestelle "Linner Linde". Die "Linner Linde" gehört wegen ihrer Gesamterscheinung zu den beeindruckendsten Bäumen Europas.

Kaum ein Baum verkörpert Wachstumsreife und jugendliche Vitalität so schön wie der größte Baum im Aargau, der übrigens in der kleinsten Gemeinde des Kantons steht. Der europäische Fernwanderweg Pyrénées–Jura–Balaton führt hier vorbei – der Baum könnte früher als Wegweiser für Wanderer und Pilger gedient haben. In der Schweiz nannte man solche Bäume "Markbäume". Die Meinungen, das Alter des Baumes betreffend, gehen weit auseinander. Überliefert ist die Sage, dass der heilige Gallus, ein irischer Missionar, bereits im 6. Jahrhundert unter der Linde ausruhte oder sie sogar gepflanzt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gallus an diesem exponierten Ort tatsächlich eine Linde pflanzte, ist groß, denn die Linde galt als Symbol des Christentums und wurde deshalb überall verbreitet. Vermutlich lebte diese Linde oder eine Nachgängerin noch 1307, als das Dorf erstmals in einer Urkunde als "in dem dorf ze Lind" bezeichnet wurde.

Der Name "Linn", der 1363 auftaucht, dürfte von dem althochdeutschen Wort "lint-ahe" stammen, was "beim Lindenholz" bedeutet. Als in Europa eine der schlimmsten Pestepidemien wütete, kam die todbringende Krankheit 1348/49 auch nach Linn. Die wenigen Überlebenden begruben die Toten außerhalb des Dorfes. Etwa zur selben Zeit wurde wahrscheinlich die heutige Linde gesetzt. Nach dem Volksglauben war es die Linde, die Krankheiten fernhielt und so das Land vor weiterem Unheil schützen sollte. In Pestlinden, so glaubte man, könne die Pest gebannt werden.

Als weiteres Pflanzdatum käme das Jahr 1415 infrage, als die habsburgische Macht endete und die neuen Herren aus Bern eintrafen. Die "Linner Linde" scheint mit der zwei Kilometer Luftlinie entfernten Habsburg in Verbindung zu stehen. So besagt ein alter Orakelspruch: "Leit d’Linde-n-ihr’s Chöpfli ûfs Ruedelis Hûs, se-n-isch’s mit alli Welten ûs." Was bedeutet: Spätestens wenn die Linde so groß ist, dass sie ihren Schatten auf die Habsburg wirft, dann ist die Zeit der österreichischen Macht vorüber. Der Mathematiker Karl Matter berechnete, dass zweimal im Jahr tatsächlich der Schatten auf die gegenüberliegende Talseite geworfen wird. Die Wirtin auf der Habsburg hat dies allerdings innerhalb von 65 Jahren erst einmal erlebt.

Es ist ein Wunder, dass die Linde überhaupt so groß werden konnte. Erstmals in Gefahr war sie 1586, als sie gefällt werden sollte, weil unter ihr, so erzählte man sich, eine Anna Meier mit dem Teufel in Verbindung getreten sein soll. Die als Hexe verschriene Frau wurde aus dem Land verwiesen und die Linde glücklicherweise stehen gelassen. Lange Zeit glaubte man, dass die Frau, die unter der Linde gesehen worden war, die "Weiße Frau" gewesen sein soll. Diese Heil bringende Gestalt, die symbolisch in der Linde zu Hause war, geisterte seit der Einführung der Reformation 1528 nach Ansicht der Bevölkerung ruhelos um die Pestlinde.

Dass in neuer Literatur die Linde als erst 340-jährig beschrieben wird, hat damit zu tun, dass von 1667–1669 eine weitere Pestepidemie das Dorf Linn fast auslöschte. Der Sage nach soll nur ein Überlebender die Toten bestattet und darauf die Linde gepflanzt haben. Es ist durchaus möglich, dass eine Linde an einem idealen Standort über drei Zentimeter pro Jahr im Umfang zunimmt. Dass sie jedoch diese Wachstumszunahme halten konnte, obschon sie zwischenzeitlich immer wieder stark beschädigt wurde, ist zu bezweifeln. So wurde sie 1863 durch einen Brand massiv beschädigt. Danach war ein Stammdurchgang entstanden, weshalb man, um den hohlen Stamm wieder zu füllen, gedankenlos eine andere Linde in den Hohlraum pflanzte. Es war indes fast schon ein Glück, dass der konkurrierende Jungbaum 1908 bei einem Lagerfeuer Jugendlicher abbrannte. Allerdings stand auch diesmal die alte Linde wieder lichterloh in Flammen, konnte aber von der Feuerwehr rechtzeitig gelöscht werden. Der Großteil der Krone war beschädigt, und mit Drahtseilen und Betonplombierungen versuchte man, das Leben des Baumes zu erhalten.

Die Firma "Tilia Baumpflege" entfernte 1979 die veralteten Sanierungsmethoden, die mehr geschadet als genützt haben. Kurz danach brannte die Linde am 2.7.1979 aber wieder. Solche Feuerattacken schaden einer Linde glücklicherweise viel weniger als vermutet. Feuer greift nicht nur das Holz an, sondern verbrennt auch sämtliche Parasiten und Pilze. Eine Linde reagiert danach mit starker Wundabschottung: Innerhalb und außerhalb des Stammes bilden sich Überwallungen und somit eine neue Borke, die gleichzeitig die Stabilität festigt. Die Linde hat sich jedenfalls bestens erholt und ist kräftiger denn je. Noch sieben Hauptäste tragen die mächtige Krone. Wenn weiterhin alles gut verläuft, wird sie eine der wenigen Linden, die in Europa einen Stammumfang von über 15 Metern erreichen.