Früher sah man Bierdosen am Grund des Sees. Mark Smith erinnert sich noch ganz genau an die Marke: "Olympia". Das kalte, klare Wasser des Spirit Lake konservierte ihren goldglänzenden Aufdruck über viele Jahre. Er erinnert sich auch an 25 Zentimeter lange, extra für Touristen eingesetzte Regenbogenforellen und an ein versunkenes Ruderboot des CVJM. Sein Bug lag auf einem versunkenen Baumstumpf. In diesem See am Fuß des Mount St. Helens lernte Smith das Tauchen. Er weiß noch, wie es hier aussah, bevor der Vulkan am 18. Mai 1980 ausbrach. Ehe die obersten 400 Meter des Gipfels in das Wasser rutschten: mehr als 2,3 Milliarden Kubikmeter Schlamm, Asche und Schnee. Vorher war der See halb so groß, aber doppelt so tief. Am besten erinnert sich Smith an den "versteinerten" Wald, einen gespenstischen Hain aus versunkenen, astlosen Tannen, die aufrecht mehrere Dutzend Meter tief unter der Wasseroberfläche standen. Er konnte sich die Herkunft dieses Unterwasserwaldes nicht erklären – bis der Berg explodierte. Danach war es ihm klar: Die Bäume zeugten von einem früheren Ausbruch.

Und jetzt verwandelte der Mount St. Helens den See abermals in eine stinkende, sauerstofflose und lebensfeindliche Suppe, auf deren Oberfläche ein dichter Teppich aus umgerissenen Baumstämmen schwamm. Drei Jahrzehnte sind seither vergangen, und der Spirit Lake wartet mit neuen Rätseln auf: Woher kommen die Fische, die heute wieder darin schwimmen? Und wieso sind sie doppelt so lang wie die Regenbogenforellen vor dem Ausbruch?

Smith leitet das Eco Park Resort, die ökologische Kernzone im nationalen Schutzgebiet rund um den Vulkan. Er vermutet, dass die Fische aus dem kleineren, höher gelegenen St. Helens Lake herabgerutscht sind, als dieser See in einem regenreichen Jahr über die Ufer trat. Doch dort kommen nur Saiblinge vor, und die Fische im Spirit Lake sind Regenbogenforellen. Vermutlich hat sie jemand hier ausgesetzt, wie der Biologe Bob Lucas von der Fisch- und Wildbehörde des Bundesstaats Washington glaubt.

Der Ökologe Charlie Crisafulli von der Forstbehörde hat das Erbgut der Fische untersucht. Seine Ergebnisse deuten ebenfalls darauf hin, dass die Forellen nicht mit denen verwandt sind, die vor dem Ausbruch dort lebten. Er hat es nun aufgegeben, ihre Herkunft herausfinden zu wollen. Viel wichtiger sei doch, warum sie heute so enorm groß werden. Aber das ist nur eine von vielen Fragen, die sich Umweltschützer, Wissenschaftler, Angler, Politiker, Förster und Geschäftsleute 30 Jahre nach einem der gewaltigsten Vulkanausbrüche des 20. Jahrhunderts stellen.

Mark Smith ist am Spirit Lake aufgewachsen. Seine Familie besaß die Hütte direkt neben der ihres Nachbarn Harry Truman. Der knurrige, 83-jährige Namensvetter des früheren Präsidenten der USA war einer der 57 Menschen, die durch den Vulkanausbruch ihr Leben verloren. Als Junge angelte Smith im See. Heute ist das verboten. Er verrät nicht, ob er es dennoch tut. Aber sollte ich ihn einmal begleiten wollen, wisse er – räusper, räusper – sehr gut, wo man sich ans Ufer schleichen könnte. "Wir haben uns verlaufen!", schreit er probehalber sein Alibi.

Der elf Quadratkilometer große See liegt heute im Zentrum eines Forschungsareals, das nur mit Erlaubnis betreten werden darf. Es umfasst etwa ein Viertel des Vulkanschutzgebiets Mount St. Helens. Der Kongress richtete es 1982 ein, "um die geologischen, ökologischen und kulturellen Ressourcen [...] in möglichst natürlichem Zustand zu bewahren, damit die [...] geologischen und ökologischen Entwicklungen ungehindert weiterlaufen können". Das gesamte Schutzgebiet ist 445 Quadratkilometer groß (zum Vergleich: Das entspricht etwa der Fläche der Stadt Köln). Der größte Teil ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Als natürliches Labor zur Untersuchung, wie Ökosysteme sich erneuern, ist die Zone des Vulkanausbruchs einzigartig. Ökologen sprechen von einer "Großstörung". "Was den Wald betrifft, gibt es keine andere, die genauer untersucht worden wäre", sagt Crisafulli. Sie wurde in jeder Hinsicht begutachtet, von molekularen Verbindungen bis hinauf zu Lebensgemeinschaften, von Bakterien bis zu Säugetieren, von dampfenden Schloten bis zu überschwemmten Wiesen. Fachleute von Alaska bis Chile wollen wissen, womit sie rechnen können, wenn bei ihnen ein Vulkan explodiert.