L’Anse-Saint-Jean: Die Brücke über den Fluß

Das sollte dem Städtchen L’Anse-Saint-Jean nicht noch einmal passieren. 18 Jahre lang befand sich ein Wahrzeichen Kanadas in der Mitte des kleinen Ortes am Saguenay-Fjord, ohne dass jemand davon Notiz nahm. Schlimmer noch: Ohne, dass auch nur ein Bewohner davon wusste.

Man schrieb das Jahr 1972, als der Fischer James Williams eine größere Lieferung Holz mit einem 1000-Dollar-Schein bezahlte – und ihm das Bild auf der Rückseite der Geldnote merkwürdig vertraut vorkam. Eine Rückfrage bei der Bank of Canada bestätigte seine Vermutung: Die höchste kanadische Banknote zierte ein Panoramabild von L’Anse-St.Jean, eindeutig identifizierbar an der Pont Faubourg, der überdachten Holzbrücke in der Ortsmitte.

Seit 1954 bereits prangte das Bild auf der Geldnote, ohne dass es jemandem im Ort aufgefallen wäre. Welch ein Marketing-Lapsus! Fortan bemühten sich die Stadtväter mit Blick auf den Tourismus umso mehr um den Erhalt des 1929 erbauten Wahrzeichens. Was nicht so einfach war: 1986 schwemmte massiver Eisgang die Brücke weg, 1992 verschwand sie dann von den Geldscheinen. 1996 schließlich zerstörte ein katastrophales Hochwasser nochmals große Teile des idyllischen Fischerorts am Fjord. Doch L’Anse-Saint-Jean erholte sich wieder – nach jedem Rückschlag erschuf sich das Städtchen neu, stets um eine Nuance lieblicher als zuvor.

Von der Substanz her ist Anse moderner als viele andere Städtchen am Fjord, und doch wirkt es traditioneller. Die Stadt lebt von und in dem Bild, das sie sich von ihrer Vergangenheit macht – und sie lebt gut so. Adrett reihen sich die bunten Holzhäuschen mit ihren Veranden und Vorgärten entlang der Hauptstraße, auch die Pont Faubourg ist wieder rekonstruiert und streckt sich wie eine absonderlich gedehnte Riesenhundehütte über den Fluss. Über einem Gartenzaun stecken zwei Gestalten die Köpfe zusammen, von denen sich beim Näherkommen herausstellt, dass es bekleidete Holzfiguren sind – modelliert nach dem Vorbild einer bekannten, vor über 100 Jahren fotografierten Straßenszene aus dem National Geographi c. Nur nicht noch eine historische Ansicht verpassen!

In der örtlichen Bäckerei, einem Traum in pastellrosa und sahneweiß, steht das weißhaarige Bilderbuchbäckerpaar Guérard hinter dem Tresen und verkauft himmlische Blaubeerpasteten und frisches Brot. Ihr Geschäft datiert aber nicht, wie man vermuten könnte, aus den 1950er Jahren, sondern wurde erst 1987 eröffnet – bereits damals im Retro-Look.