Es ist nicht einfach, Peppino Impastatos Wohnhaus zu finden. Dabei ist Cinisi, sein Heimatort, eine knappe Autostunde westlich von Palermo entfernt. Ein winziges Nest, das sich zwischen der Küste und dem bedrohlich aufragenden Monte Longa hinduckt. Dessen nackte Kalkwände geben noch spätabends die gespeicherte Hitze der glühenden Sonnenstrahlen ab. Auf den steinigen, nicht mehr bearbeiteten Äckern rund um das Dorf leuchtet roter Klatschmohn. Über den knorrigen Olivenbäumen liegt ein silbriges Licht, bis zum Küstenstreifen erstreckt sich das helle Grün und löst sich vor dem azurblauen Meer in eine flirrende Unschärfe auf.

In diesem verschlafen wirkenden Flecken mit ein paar Häuserzeilen im Zentrum und hässlichen Wohnsilos an den ausgefransten Rändern, weist einem kein Schild den Weg zu Peppino Impastatos Haus. Darauf angesprochen, geben die Einheimischen vor, den Namen Impastato nie gehört zu haben. "Impossato, wie?", sagen die Alten an der Piazza Garibaldi und ziehen ihre Schiebermützen tief über die Augen herunter. Für sie ist das Gespräch mit den Leuten von auswärts nun beendet. Schweigen, Achselzucken auch bei den Jungen, eine drückende, geisterhafte Stille liegt über dem Ort.

Die abweisende Haltung der Dörfler ist wahrscheinlich kein Zufall. Denn Cinisi gilt als eine Hochburg der Cosa Nostra. Und Peppino Impastato hat die Mafia bekämpft. Es war ein ungleiches Ringen: mit Gedichten, einem Radiosender und Satiretexten zog der junge Gewerkschafter gegen die Mafia ins Feld. In Sizilien ist es aber selten der Fall, dass der Schwächere, auch wenn sich das Recht auf seiner Seite befindet, in der Auseinandersetzung mit einem Mächtigen siegt.

Peppino Impastato unterlag den Bossen, er wurde im Auftrag von Gaetano Badalamenti ermordet. Das geschah vor über dreißig Jahren, doch Giovanni, Peppinos Bruder, sagt, dass sich in Cinisi kaum etwas verändert hat. "Hier herrscht immer noch die Cosa Nostra." Giovanni Impastato muss es wissen, denn er ist der einzige männliche Überlebende aus der Familie, die tief in die Machenschaften der Mafia verstrickt war. Sein Onkel Cesare Manzella, ein einflussreicher Pate, wurde 1968 durch eine Autobombe in die Luft gejagt. Der 15-jährige Peppino ging damals auf Gegenkurs. Es folgten endlose Streitigkeiten in der Familie, schließlich kam es zum Bruch mit dem Vater, der später ebenfalls ermordet wurde.

Giovanni Impastato empfängt die Besucher bei verschlossenen Fensterläden, aber er versichert, dass er keine Angst habe. Giovanni folgte dem Vorbild seines älteren Bruders und leitet jetzt das Dokumentationszentrum über die Mafia im ehemaligen Wohnhaus der Familie. In Italien ist der mutige Gewerkschafter Peppino Impastato ein Mythos. Zur Erinnerung an den bewunderten Bruder und im Kampf gegen die organisierte Kriminalität, die nicht nur Sizilien betreffe, reist Giovanni durch das ganze Land. Denn etwas ist doch anders geworden in Cinisi sowie im restlichen Sizilien: der Bann des Schweigens, das Gesetz der Omertá , ist gebrochen. Die Menschen schauen nicht mehr weg und bilden Bürgerbewegungen wie Addiopizzo, eine Anti-Schutzgeld-Initiative aus Palermo, die auch Touren zu diesem Thema organisiert. Pizzo ist das sizilianische Wort für Schutzgeld.

Dabei soll es um Information und soziales Engagement gehen, nicht um die voyeuristische Lust am Gruseln. Man muss der Mafia den öffentlichen Raum streitig machen: aus diesem Ansatz ist Addiopizzo entstanden. In einem zweiten Moment kam die Idee zum touristischen Angebot, das bisher vor allem von italienischen Schulklassen genutzt wurde.

An der Piazza Giulio Cesare vor dem Bahnhof von Palermo wartet Francesca Vannini mit einer blauen Vespa. Sie hat einen zweiten Helm für den Gast mitgebracht, auf dem Motorroller beginnt nun eine Sightseeingtour der besonderen Art. "Palermo hat nicht nur bleierne Tristesse und den Charme eines Todgeweihten zu bieten, unsere Stadt hat viele Gesichter", verkündet Francesca in Richtung Soziussitz und brettert die breite Via Maqueda hinunter. Die dunkelhaarige Süditalienerin ist jung, couragiert und voller Lebensfreude. Sie liebt ihre Heimatstadt, die auf den ersten Blick gar nicht liebenswert aussieht.