Es ist ein sonniger Wintertag, so warm, dass es sich eher wie Frühling anfühlt. Die Schuhe hinterlassen Abdrücke im feinen Sand. Am Horizont ragen die Hotels der Strandpromenade in den blauen Himmel. Port Elizabeth , die im Beinamen auch als Windy City deklarierte Millionenstadt am Indischen Ozean, zeigt sich von ihrer freundlichen Seite. Doch um sich an den Strand zu legen, ist das Grüppchen Touristen, das sich hier auf der Düne versammelt hat, nicht gekommen. Zu ihren Füßen liegt ringsum das Walmer Township, eines der ärmsten und verrufensten Viertel der Nelson-Mandela-Metropole. Bei einem geführten Rundgang wollen die Gäste etwas über Geschichte und Kultur des Armenviertels lernen.

"Diese sandige Gegend hier war früher ein Truppenübungsplatz der SADF", erzählt Lulama Stout, der Tourguide. Die SADF war die für ihre brutalen Überfälle auf die Schwarzen-Siedlungen berüchtigte Armee des Apartheidstaats. Das Township gab es auch damals schon, in direkter Nachbarschaft. Nach dem Ende der Apartheid hat es sich auf das ehemalige Armeegelände ausgedehnt. Zwischen 50.000 und 100.000 Menschen leben verschiedenen Schätzungen zufolge heute hier. Aktuelle, offizielle Zahlen gibt es nicht.

Dass Gqebera , wie Walmer Township auf Xhosa, der Sprache der Mehrheit seiner Einwohner genannt wird, überhaupt noch existiert, grenzt an ein Wunder. Nach den Gesetzen der Apartheid-Regierung war ganz Walmer als "weißes" Land deklariert worden, das Township sollte geräumt und niedergewalzt werden. Doch die Bewohner wussten das mit zähem Widerstand zu verhindern und hatten Glück, auch im nahegelegenen "weißen" Teil Walmers einige Fürsprecher zu haben, die bei der Stadtverwaltung intervenierten.

Über die bewegte Geschichte seines inzwischen über 100 Jahre alten Stadtteils erzählt auch Stout am liebsten. "Hier wohnten schon Familien, bevor es ein Township wurde, und diese Leute haben für ihr Viertel gekämpft", erzählt er. "Das waren nicht nur Schwarze, sondern auch Farbige, nach diesen Familien sind auch unsere Straßen benannt." In der Tat klingen die Namen auf den Schildern – Witbooi, Common, Galant – eher nach Familiennamen von Coloureds, jener heterogenen Gruppe von Mischlingen, die der Apartheidstaat als eigene "Rasse" definierte. Eine Klassifizierung, die im Bewusstsein der Südafrikaner Normalität geworden ist. Doch diese Namen findet man nur im Kern von Walmer Township. In den neueren Erweiterungen der Siedlung sind die Gassen nach den Helden des Befreiungskampfes, Steve Biko oder Chris Hani, benannt. Noch weiter hinten gibt es nicht einmal mehr befestigte Straßen, geschweige denn Schilder. Der Großteil der Menschen in Walmer Township wohnt noch immer in Blechhütten, die Hausbauprojekte der Regierung kommen nur langsam voran.

Am Fuße eines weiteren Sandhügels erzählt Stout, wie die Widerstandskämpfer von dort oben einst ihre Granaten auf die anrückenden Truppen des Regimes feuerten. Seine Führung ist mit solchen, nicht selten martialischen Anekdoten gespickt. Einmal, so berichtet er, habe er sogar mitgeholfen, in die Straße vor seinem Elternhaus ein großes Loch zu graben. Das hätten sie dann mit Ästen und Gras abgedeckt, um bei der anstehenden Armee-Razzia einen der gepanzerten Truppentransporter in die Falle zu locken. Auch er selbst habe während des Kampfes Molotov-Cocktails geworfen, sagt er. Stout war damals neun Jahre alt.

"Das war eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte Zeit", erzählt Stouts Vater Mfana. Er gehörte damals zur Untergrund-Armee Mkhonto weSizwe , dem bewaffneten Arm des ANC. Während des Rugby-Trainings haben sie ihre Aktionen abgesprochen. Glaubt man seinen Erzählungen, hätte er es damals auch "spielend" in die Rugby-Nationalmannschaft, zu den Springboks , geschafft. Wenn er denn nur die "richtige" Hautfarbe gehabt hätte.

Die Touristen wirken betroffen bei diesen Geschichten, einige sind beschämt von der extremen Armut, die in einigen Teilen des Townships noch immer acht- bis zehnköpfige Familien dazu zwingt, in Zwölf-Quadratmeter-Hütten zu leben. Illegale Stromverbindungen bringen etwas Licht in die Hütten, oft kommt es aber zu schweren Unfällen, wenn Kinder mit den offen über den Boden verlegten Kabeln spielen. Und die Gäste wirken geschockt von der gewalttätigen Vergangenheit des Townships, die so gar nicht zur sonnigen Atmosphäre des Jetzt passen will. Da kommen wildfremde Männer auf die Gruppe zu, schütteln jedem der uMlungus – wie die Weißen bei den Xhosa heißen – die Hand und stellen sich vor. Das Ritual, so scheint es, darf nicht enden, bevor auch der letzte Tourist begriffen hat, wie man beim Auflösen des Handschlags ein Schnippen mit den Fingern erzeugt.