Frage: Herr Altmann, Sie sehen wie immer sonnengebräunt aus. Wo kommen Sie gerade her?

Andreas Altmann: Ich war in Kambodscha, habe mich in ein Hotel gesetzt und geschrieben. An meinem Wohnort Paris verbringe ich nur drei, vier Monate im Jahr, ansonsten bin ich unterwegs, als Reporter oder Buchautor. Ich mag diesen romantischen Lebensstil, und er funktioniert: Ich lebe allein, habe keine Kinder, keinen Fuhrpark. Ich gebe mein Geld nur für Dinge aus, die ich nicht abstauben, nicht einräumen, nicht versichern muss. Geld bedeutet für mich nur eins: Freiheit.

Frage: Wenn man sich die Regale mit Reiseliteratur in der Buchhandlung ansieht, stößt man ständig auf Ihren Namen. Ihre Reportagen spielen in Afrika, Asien, Australien. Haben Sie mal nachgerechnet, wie viele Länder Sie bisher besucht haben?

Altmann: So knapp über 100. Aber es geht mir beim Reisen wie mit einer Fremdsprache: Je besser ich sie kenne, desto stärker bemerke ich meine Schwächen. Und je mehr ich gesehen habe von der Welt, desto mehr begreife ich, wie viel noch nicht.

Frage: Einst fuhren Sie mit dem Greyhound-Bus quer durch die USA – entlang des Wegs erzählt Ihnen ein Amish von seinem Leben, ein Leichenwäscher von seinen Karriereplänen, und eine Frau lädt Sie zum Vodoo-Ritual ein. Wie spüren Sie diese Leute auf?

Altmann: Oft spüren die anderen mich auf, weil sie irgendwie merken: Ich bin verfügbar. In Paris bin ich das überhaupt nicht. Da kommt keiner auf mich zu.

Frage: Was ist der Grund für dieses manische Umherreisen? Sind Sie auf der Flucht?

Altmann: Klar bin ich das. Immer auf der Flucht vor dem Ranz des Alltags. Zudem bin ich tief ungläubig, ich glaube somit nicht an das Leben nach dem Tod. Umso weniger, als Herr Wojtyla, einst Stellvertreter Gottes auf Erden, die Welt hat wissen lassen, dass es im Himmel keinen Sex gibt. Wer will da noch sterben? Ich will leben.

Frage: Das könnten Sie doch auch in Paris.

Altmann: Ja, wenn ich ein Genie wäre. Dann könnte ich auch einen brillanten Roman über die Fahrt vom Flughafen hierher schreiben. Bin ich aber nicht. Also gehe ich in die Fremde, da ist es aufregender, bewegender. Zudem besteht dort die Möglichkeit, dass ich neue Fehler mache und nicht die alten. Beim Reisen ist man wacher, gewiefter, auch verletzbarer ...

Frage: ... und die Erlebnisse sind intensiver. Thomas Mann hat gesagt, Reisen sei ein Mittel gegen die Beschleunigung der Zeit.

Altmann: Thomas Mann hatte das Glück, 100 Jahre vor uns zu leben. Heute ist die Beschleunigung größer.

Frage: Und damit das Bedürfnis, die Zeit anzuhalten.

Altmann: Ich will aber beides, manchmal anhalten, manchmal beschleunigen. Ich bin ein nervöser Typ.

Frage: Dabei waren Sie gerade in einem indischen Meditationszentrum, haben zehn Tage kein Wort gesprochen, dafür Stunden dagesessen und nichts getan.

Altmann: Gerade deswegen, weil ich ein Zappelphilipp bin. Über Obama schrieb ein Journalist: "This guy is cool, calm and collected", lässig, ruhig und gesammelt. All das bin ich nicht, deshalb meditiere ich.