Vor einigen Tagen hat Bauer Sergio ein halbwegs ebenes Stück Wiese vor seiner Alm gemäht. Gestern kamen dann die Männer der freiwilligen Feuerwehr von Sopramonte, um dort ein kleines Zelt aufzustellen – als Schutz gegen Wind und Wetter. Jetzt treibt Sergio mit seinem marokkanischen Gehilfen die Kühe in den Stall, damit sie später nicht mit Glocken und Muhen dazwischen funken. Fertig ist der Konzertsaal auf der Malga Malghet, von dem einige behaupten, er sei der schönste der Welt.

Wer die Berge mag, wird dem zustimmen. Die Alm thront in traumhafter Lage auf 1118 Metern inmitten eines weiten Hochplateaus, hoch oben am Monte Bondone im Trentino, das zusammen mit der Provinz Südtirol die nördlichste Region Italiens bildet. Zu allen Seiten sind die Hänge von Laub- und Nadelwäldern. Dazwischen liegen wie hingetupft die Almen. Die Häuser sind spitzgiebelig und aus hellem Naturstein. Daneben stehen lang gestreckte Ställe mit Schindeldach, die Mauern sind ebenfalls aus dem örtlichen Dolomitgestein errichtet.

Das Festival Die Klänge der Dolomitenfindet seit 15 Jahren statt: Jazz und Klassik vor der beeindruckenden Kulisse der von der Unesco zum Welterbe erklärten Berge. Jedes Jahr, sagt die künstlerische Leiterin Chiara Basetti, werden andere Musiker eingeladen. Zum Konzept gehört es, dass das Festival stets im Freien stattfindet. Und dass Musiker und Zuschauer zu den Veranstaltungsorten wandern. Der Aufstieg vermittelt ein Gefühl der Gemeinsamkeit. Die Konzerte werden anders wahrgenommen. "Die Musik", so Basetti, "ist eine universelle Sprache und die Berge sind ein universeller Ort".

Das Festival nutzt die Natur als Bühnenbild

Da die kargen Böden rund um die Malga Malghet nie mit Kunstdünger in Berührung kamen, zeigt sich die Flora hier von einer Vielfalt, wie sie sonst in Europa längst verschwunden scheint. Kein Zivilisationslärm stört die Stille. Man erreicht die Alm nur zu Fuß, oder, mit Ausnahmegenehmigung, im Allradjeep über eine holprige Schotterpiste.

Es ist jetzt acht Uhr morgens, die Sonne strahlt auf die gewaltigen Felsabstürze der Adamellogruppe im Hintergrund, als hätte jemand eine rot schimmernde Lampe angeknipst. In den schattigen Rinnen der 3173 Meter hohen Cima Tosa gleißt Schnee. Im Gebüsch vor der Alm tirilieren die Vögel, auf der blumenübersäten Wiese zirpen Grillen.

Unterdessen brechen unten am Parkplatz, wo die offizielle Straße endet, drei Männer auf. Statt voll gepackter Rucksäcke, wie es bei einer Bergtour normalerweise der Fall ist, schleppen sie ihre Instrumente mit. Dave Douglas, der Trompeter, und Noam Pikelny, der Banjospieler, haben Banjo und Trompete in Schutzhüllen aus Kunststoff gepackt, die sie beim Marschieren wie Aktenkoffer in der Hand schwenken.

Hank Roberts, ein blasser, schmaler und hoch gewachsener Mann, der weit weniger belastbar wirkt als der bullige Dave Douglas, hat sich sein Cello auf den Rücken geschnallt. Fragile, zerbrechlich, steht in schwarzer Leuchtschrift auf dem grün lackierten Kasten, mit dessen Besitzer man an diesem wolkenlosen und heißen Sommertag nicht für viel Geld tauschen möchte.