Afrikas wilde Küste – Seite 1

Die Wild Coast trägt ihren Namen mit vollem Recht. Bis heute ist sie auf einer Länge von 200 Kilometern kaum mehr erschlossen als die Kalahari. Zwischen East London und Durban schert die Nationalstraße weit ins Hinterland aus, um die schroffe Küste zu umgehen. Von See her ist sie noch unzugänglicher, es gibt so gut wie keine Anlegestellen, geschweige denn Häfen.

Örtliche Führer eskortieren Touristen von Port Edward aus die Küste entlang, die Brandung des Ozeans zur Linken, das steil abfallende Pondoland zur Rechten. Mit Ende sechzig ist Christopher der Routinier unter den Gelegenheits-Fremdenführern, ansonsten lebt er von einer kleinen Rente und ein paar Parzellen Land. Ganz wie sein Namenspatron muss er seine Gäste unbeschadet über zahllose Flüsse bringen. Die meisten sind so flach, dass man sie durchwaten oder durchreiten kann. Für die größeren aber sind Reisende auf Boote angewiesen. Mancherorts haben die Fährleute Kanus oder Kajaks, denn damit können sie die Wasserläufe nicht nur überqueren, sondern auch ein gutes Stück befahren. So gehören Bootstouren mittlerweile zu den touristischen Attraktionen der Wild Coast – neben Reiten und Wandern. Ein romantischer Triathlon.

Der schönste, weil entlegenste und geheimnisvollste Fluss, ist der Mtentu. Um seine Mündung zu ereichen muss man eine zweitägige Wanderung auf sich nehmen. Doch die eigentliche Reise beginnt erst hier: Rund um ein paar Feigenbäume schart sich ein kleines Camp mit hohen Zelten und Pfahlhütten. Die sinkende Sonne bringt die Sandsteinwände zum Glühen. Hoch am Himmel schwebt ein Adler, während ringsum die allabendliche Dschungelserenade anhebt. Die warme Felddusche spült allen Staub und Schweiß des Tages ab. Die Crew tischt Hühnercurry, Teigtaschen und Tee auf.

Wie fast alle Bewohner von Pondoland kann Christopher kaum schwimmen oder paddeln. Dennoch fasst er sich am nächsten Morgen ein Herz und steigt mit Schwimmweste in eines der schwankenden Kajaks. Wonderful, der Fährmann, übernimmt die Führung. Er heißt tatsächlich so – viele Menschen hier tragen solche sprechende Namen. Die Küchenhelferin heißt Patience, ihr männliches Pendant Goodman. Im nächsten Dorf kann man dann auch noch No­smoking und The Last One begegnen.

Der Mtentu, am Unterlauf fast hundert Meter breit, verengt sich rasch zwischen den Klippen. Noch die beschaulichste Kahnpartie gerät hier zur Entdeckungsfahrt, zu einer amphibischen Safari. Beim Ablegen streichen Kronenkraniche lautlos über das Lager. Als die Gruppe nach einer Stunde in einen stillen Seitenarm einfährt, springen dort meckernde Meerkatzen von Ast zu Ast. Ein Eisvogel blitzt, ein Otter taucht. Zurück auf dem Hauptarm geht es paddelnd tiefer ins Hinterland hinein.

Anfangs spiegelt sich die Sonne noch gleißend auf dem Fluss. Dann aber rücken die Ufer immer näher zusammen. Wie ein dichter, dunkler Pelz bedeckt subtropische Vegetation die Wände, die schließlich zu einem grünen Tunnel werden.

Wer so weit vorgedrungen ist, den umfängt ein Zauberwald. Auf fast jeder Exkursion durch Pondoland finden Botaniker neue Spezies. Insgesamt sollen es über 1.300 sein, viele davon endemisch. Wie etwa die Miniatur-Kokospalme, die Wonderful nach langer Suche entdeckt, und deren Früch­te kaum größer als Walnüsse sind. Oder die haushohe Lydenburgia, die ebenfalls nur hier und im Nachbartal wächst.

 

An der Einmündung eines Baches vertäut der Fährmann die Boote, dann klettert er mit der Gruppe eine Stunde lang durch den Wald. Über sumpfige Rinnen und mächtige Steinblöcke hinweg erreicht man schließlich einen Felsenkessel. Wie gläserne Zöpfe gehen Wasserfälle an den Wänden nieder und rauschen in ein jadegrünes Becken. So betörend wirkt dieser verwunschene Ort, dass sich am Ende alle nur widerstrebend auf den langen Weg zurück zum Camp machen.

Von all den Wasserläufen, die das Pondoland durchschneiden, war allein der Umzimvubu schiffbar. So kam Port St. Johns zu seinem Namen, denn vor hundert Jahren befuhren Dampfschiffe den Fluss. Doch wegen großflächiger Erosion ist er inzwischen derart verlandet, dass er sich selbst den Zugang zum Meer abschneidet und wohl bald als Strandsee enden wird. So wie der benachbarte Umngazi, an dessen Ende eine luxuriöse Lodge zu Wasserfreuden aller Art einlädt. Man kann hier Tretboote mieten, was surreal wirkt, doch auch mehrstündige Kanutouren werden angeboten.

Auch der Ntafufu , zwei Täler östlich von Port St. Johns, eignet sich vorzüglich für Bootspartien. Er schlängelt sich erst durch Grasland, dann durch dichte Auwälder, schließlich durch Mangrovensümpfe, bevor er sich nach ein paar langen letzten Schleifen dem Meer überantwortet. Erfahrene Paddler können bei ruhiger See auch die Küste entlang patrouillieren, weniger Abenteuerlustige den kilometerlangen, gänzlich menschenleeren Strand erkunden. Die kleine Herberge von Khululeka organisiert solche Bootstouren – ein romantisches Refugium auf einer Hügelkuppe mit hinreißendem Blick bis zum Meer. Man spricht Deutsch auf Khululeka: Armin von Lengeling hat deutsche Vorfahren, und seine Freundin Sabrina stammt aus Dresden. Auch sie frönen dem Wild Coast-Triathlon, bieten neben Bootstouren auch ausgedehnte Wanderungen über die Dörfer und Ausritte durch den Busch an.

Wenn dann der Tag verlöscht, sitzen die Gäste am Feuer beisammen. Kaum tritt man ein paar Schritte beiseite, umfängt einen vollständige Dunkelheit. Der Himmel wirkt mit Sternen wie bepudert. "Weit und breit hat niemand Strom, auch wir verwenden nur Kerzen und Öllampen. Wir haben hier ein natürliches Planetarium", schwärmt Sabrina. Unten schimmert der Ntafufu wie ein lackschwarzes Band, und weiter draußen zeichnen sich die Schaumkronen der Brandung als weiße Girlanden am Saum des schwarzen Meeres ab. Das Herz der Finsternis kann ungeheuer friedlich sein.