Adel auf Achse – Seite 1

So gut wie in Berlin hat er es selten getroffen. Und das soll was heißen, denn auf seiner jahrelangen Reise durch Europa, auf der er auch Rousseau und Voltaire seine Aufwartung machte, ließ Samuel Boswell sich kein Abenteuer entgehen. Aber ihm nun das junge Zimmermädchen erzählte, dass sie schon schwanger war und einen Mann hatte ("Oho! Da sind wir ja vollkommen sicher"), da gab es kein Halten mehr: "Ab ins Bett! Schnell wie der Blitz ... Aufs Pferd. Ich ritt munter drauflos", schrieb Boswell danach, "halb ausgehungert, halb lachend. Dann schickte ich sie fort."

Der Schotte hatte seinen Eltern schon reichlich Kummer bereitet. Als kleiner Junge kränkelnd und depressiv, war der Sohn einer strengen Calvinistin und eines unterkühlten Aristokraten als Jugendlicher zum Katholizismus übergelaufen. Dann riss er nach London aus, wo er, der eben noch Mönch werden wollte, ein paar Monate lang das Lotterleben genoss, bis er von der Familie zurückzitiert und an die kurze Leine genommen wurde. Nachdem er dann doch sein juristisches Examen abgelegt hatte, ging er mit elterlichem Segen und Geld zum Studieren nach Utrecht – und dann auf große Reise: 1764 startete James Boswell, bekannt als Biograf Samuel Johnsons, seine Grand Tour.

Pilger und Handels- sowie Herrschaftsreisende hatte es schon lange gegeben. Aber die ausgiebige Privatreise zur seelischen, geistigen und, ja, körperlichen Erbauung war ein relativ neues Phänomen, das im 17. Jahrhundert seinen Anfang nahm – als Vater der Grand Tour gilt Thomas Coryat, der sich 1608 zu Fuß nach Italien auf den Weg machte und seine Erlebnisse, wie viele seiner Nachfolger, später in Buchform publik machte. Jetzt, im 18. Jahrhundert, erlebte die Mode ihren Höhepunkt.

Zunächst waren es vor allem junge britische Adelige wie Boswell, der angehende 9. Lord Auchinleck, die sich auf der obligatorischen Grand Tour ihren letzten Schliff zum Gentleman holten und ihre gap years füllten: Den formalen Teil ihrer Ausbildung, Eton und Oxford hatten sie hinter sich gebracht, aber ihre Väter zu beerben, dazu war es noch zu früh. Auf der Kavalierstour konnten sie ihren Horizont erweitern, Fremdsprachen, gute Manieren, überhaupt: leben lernen. Sex galt als Teil des Bildungsreiseprogramms; die jungen Männer sollten Erfahrungen sammeln. Und offenbar fanden sie unterwegs reichlich Gelegenheit dazu. Für Affären standen Geliebte, oft verheiratete Frauen, ebenso zur Verfügung wie Prostituierte, von denen es in Venedig besonders viele gegeben haben soll. Nicht einmal die Gefahr der Geschlechtskrankheiten schien sie zu schrecken; Boswell soll sich im Laufe seines Lebens 17 Mal infiziert haben.

Ganz sich selbst überlassen wurden die jungen Männer allerdings nicht. Die meisten hatten einen "Bärenführer" an ihrer Seite, wie die männlichen Gouvernanten genannt wurden; oft waren es junge Akademiker, die Italienisch und Französisch sprachen, Latein sowieso, schön schreiben können, aber auch über chirurgische Kenntnisse verfügen sollten – falls der junge Herr mal einen Unfall hätte.

Grand Tour: Im Zeitalter des Easy-Jetsets weckt allein der Name romantische Gefühle. Nicht mal eben für einen Tag nach Rom düsen, morgens hin, abends zurück, sondern sich Monate, oft Jahre Zeit lassen, um ganz in Ruhe Eindrücke sammeln, Menschen kennenlernen zu können! Nicht alles in einen kleinen, handgepäcktauglichen Trolley stopfen, sondern Schrankkoffer mit Kopfkissen und Bettwäsche, Kleidern für jede Gelegenheit und stapelweise Büchern vollpacken zu können, die dann die Diener schleppten.

Aber so grand, wie sie klingt, war die Tour in vieler Hinsicht gar nicht. Das fing bei der Bequemlichkeit an – oft war das Ganze eher eine Tortur – und ging mit der schmalen Reiseroute weiter. Mit seinen Abstechern nach Berlin und Korsika war Boswell eher eine Ausnahmeerscheinung. Die meisten Bummler folgten einem Trampelpfad, ohne nach links und rechts zu gucken. Meist setzten sie von Dover nach Calais über – und allein die Überfahrt hätte eigentlich genügt, sie umgehend wieder kehrtmachen zu lassen. Von dort aus fuhren sie zügig nach Paris, der ersten längeren Station. In der Kutsche rumpelte man dann langsam weiter, nach Dijon und Lyon; über die Alpen ging es in der Sänfte weiter, die Kutsche musste in ihre Einzelteile zerlegt werden – um schließlich ans eigentliche Ziel zu gelangen: Italien! Die Wiege aller Kultur. "Der junge Mensch sollte nach Italien reisen", hatte Richard Lassels schon 1635 in seinem Führer An Italian Voyage empfohlen, "und seinen Geist durch die Größe und die Grundsätze eines Landes bereichern, das die ganze Welt zivilisiert hat."

In Venedig feierte man Karneval , von Florenz ließ man sich entzücken, in Rom sah man sich im Winter Museen, Kirchen und Ruinen an. Dann wurden die Engländer auch mal mutiger, wagten sich etwas weiter vor, nach Neapel oder Sizilien. Und zu gucken gab es überall genug, Pompeji und Herculaneum zum Beispiel waren gerade ausgebuddelt worden.

Der Kreis der Reisenden wurde größer, zum jungen Adel gesellten sich Frauen und Bürgerliche. Und schon im späten 18. Jahrhundert begann sich der Fokus zu verschieben, vom Klassizismus zur Romantik, weg von den Kunstwerken der Antike hin zur Landschaft, zum Naturschauspiel. Plötzlich war ein Vulkan so sehenswert wie das Kolosseum. Der Vesuv tat den Reisenden auch den Gefallen, ein paar Mal zu spucken. Ein schönes Spektakel.

Italien, so Antonio Brilli in seinem Buch über die Grand Tour, war über lange Zeit der Ort, an dem sich die Jugend Europas begegnete. Und das Knüpfen von Netzwerken gehörte zu den pragmatischen Zielen der Bildungsreise; Empfehlungsschreiben öffneten den jungen Aristokraten und aufstrebenden Bürgerlichen die Türen der Gesellschaft. Überhaupt waren die jungen Europäer bestens präpariert, ihren Virgil und Horaz kannten sie auswendig. Zu sehen, wovon sie schon so viel gelesen hatten, war ein guter Teil des Vergnügens. Die Besucher liebten das Déja-vu-Gefühl in der Fremde. Ähnlich wie der heutige New-York-Tourist beim ersten Besuch das Gefühl hat, in einem Film zu stehen, fanden die englischen Edelleute sich nun in einem echten Canaletto wieder, dessen Gemälde sie schon zu Hause bewundert hatten: Grandtourists gehörten zu den wichtigsten Auftraggebern des italienischen Künstlers.

 

Die Abenteuerlust, die Neugier hielt sich, abgesehen von den erotischen Eskapaden, in Grenzen. Die Briten trafen sich gern selber. Florenz – "die lieblichste Stadt auf Erden", wie Horace Walpole, der Sohn des britischen Premierministers, sie nannte – wurde bald Klein-London getauft. Der englische Gesandte dort, Horace Mann, Kunstliebhaber und "Schutzgott" (Brilli) seiner Landsleute, lud die Besucher an seine elegante Tafel, in Rom spielte die britische Kolonie Cricket. Und zu der Kolonie gehörten auch Schriftsteller und Künstler, die sich hier jahrelang niederließen, Homosexuelle, Paare ohne Trauschein, unabhängigkeitsliende Frauen. In Rom lebte es sich nur viel billiger als in London, sondern auch freier.

Für die Italiener hatten die Engländer oft nur Verachtung übrig. Waren sie selbst nicht die besseren Römer, die wahren Erben des antiken Imperiums? Viele Briten, schreibt Attilio Brilli, kehrten noch fremdenfeindlicher zurück, als sie losgefahren waren.

Auf dem Rückweg der Grand Tour ging es dann – so schnell wie möglich – durch Deutschland nach Hause zurück. Deutschland hatte unter den Reisenden einen ziemlich schlechten Ruf, es galt als äußerst unbequem, und das nicht nur wegen der Vielstaaterei, die das Reisen umständlich und durch die diversen Zollstationen teuer machte. Die Straßen waren im Vergleich zu denen in Italien offenbar eine Katastrophe, von den Unterkünften, wenn die Reisenden denn überhaupt eine nach langem Suchen fanden, reden wir lieber nicht. Wanzen lagen oft mit im Bett, Schweine schliefen schon mal im selben Raum. Frances Trollope war froh, ihr eigenes Bettzeug mitgebracht zu haben. "Die Gewohnheit, wohlgelüftete und trockene Wäsche zu gebrauchen, scheint in den deutschen Städten wenig bekannt."

Natürlich waren die Briten nicht die Einzigen, die damals den Kontinent bereisten, auch andere Europäer taten das, darunter einige berühmte Deutsche: Winckelmann, der sich als kunsthistorischer Fremdenführer für die Engländer verdingte, Goethe natürlich oder Fürst Franz von Anhalt-Dessau, in dessen Wörlitzer Park sich bis heute Reminiszenzen der Italienreise finden – bis hin zum künstlichen Vulkan . Spucken konnte der auch.

Aber die Briten waren die ersten. Und sie kamen in Scharen. In Rom, so ein Beobachter, wimmelte es nur so von ihnen. Vielleicht lag diese Übermacht nicht nur an dem Bedürfnis, die Isolation der Insel zu überwinden, sondern auch an ihrem Anspruch auf die Weltherrschaft, ähnlich der, die einst die Römer hatten.

Die Grand Tour war, der Name sagt es schon, eine Rundreise. Ursprünglich, erklärte der britische Kulturwissenschaftler John Brewer kürzlich in einem Vortrag im Berliner Wissenschaftszentrum, bezeichnete man damit die große Runde beim Spazierengehen, zum Beispiel im Hyde Park.

Brewer stellte die interessante These auf, dass das Entscheidende nicht war, zur Grand Tour aufzubrechen – sondern zurückzukommen. Und auszupacken. Denn die Reisenden kamen mit vollen Koffern von ihrer Shoppingtour zurück, mit reichlich Beweismaterial und Souvenirs. Gern ließen sie sich vor italienischer Kulisse malen, am liebsten von Pompeo Batoni – um zu demonstrierten, dass sie dort gewesen waren, "wo Romulus stand, Cicero sprach, Cäsar fiel", so der Beobachter Edward Gibbon. Ja, manchmal ließen sie sogar Statuen von sich als römische Herrscher anfertigen.

Englische Herrenhäuser, Schlösser und Museen – das British Museum wurde 1753, auf dem Höhepunkt der Grand Tour, gegründet – sind bis heute gut gefüllt mit Mitbringseln der Reisenden. Allerdings sind auch etliche Fälschungen unter den guten Stücken, die die "Connaisseure", über die Karikaturen sich lustig machten, sich andrehen ließen.

Auch in der Architektur hinterließ die Grand Tour bis heute sichtbare Spuren: im Klassizismus, der jetzt angesagt war. John Soane, einer seiner prominentesten Vertreter, feierte den den 18. März, den Tag seiner Abreise nach Italien anno 1778, jedes Jahr wie einen Neugeburtstag.

Dass die Grand Tour weit über den kleinen privilegierten Kreis der Reisenden hinaus von großer Bedeutung war, selbst für jene, die nie den Kanal überquerten, hing nicht zuletzt mit der großen Mitteilsamkeit der Heimkehrer zurück. In – oft veröffentlichten – Briefen und Tagebüchern, Reisebüchern und Romanen erzählten James Boswell, Horace Walpole, Tobias Smollett und Co von ihren Eindrücken und Erlebnissen. Laurence Sternes Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien – gerade im Berliner Galiani-Verlag in neuer Übersetzung erschienen, in der auch die Schweinereien zur vollen Geltung kommen – wurde sofort zum Bestseller. Und das Gasthaus des Herrn Dessein in Calais, in dem Mr. Yorick, die Hauptfigur einkehrt, wird so zur weltberühmten Herberge.

 

Einige der Grand-Tour-Veteranen gründeten dann auch bald, wie es sich in England gehört, einen Club. Die Dinner-"Society of Dilettanti" förderte die Künste und und pflegte die Anzüglichkeiten, das Saufen gehörte zum Programm. Der exklusive Herrenclub existiert heute noch, unter den 60 Mitgliedern ist auch David Hockney.

Der Strom der britischen Reisenden auf den Kontinent wurde durch die Napoleonischen Kriege unterbrochen. Im 19. Jahrhundert ging es dann wieder los – jetzt aber richtig: Aus der Grand Tour wurde der große Tourismus, das Reisen wurde professionalisiert, war nicht mehr einer kleinen Elite vorbehalten. Die Eisenbahn brachte Neugierige nun sehr viel schneller und billiger ans Ziel als die Kutschen. Und wieder waren Briten die Pioniere: Thomas Cook erfand die Pauschalreise , John Murray den pragmatischen Reiseführer. Aber die englischen Reisenden bekamen Konkurrenz – nicht nur aus Europa, auch aus Übersee. Allerdings wurde die amerikanische Grand Tour dann irgendwann zur knappen Spritztour reduziert: Europe in seven days. Vielleicht haben die Interrailpassagiere des 20. und die Backpacker des 21. Jahrhunderts mehr Ähnlichkeit mit den jungen Reisenden des 18. Jahrhunderts als die reichen Amerikaner, die im Grand Hotel abstiegen.

Auch wenn es die Grand Tour als solche nicht mehr gibt, ihr nobler Klang hat an Reiz offenbar nichts eingebüßt. Automarken wie Opel und VW fahren die GT in ihrem Namen spazieren, Steffen Koppetzky hat ihn sich als Titel für seinen Schlafwagenroman gewählt, Reiseveranstalter promovieren ihre italienischen Exkursionen damit als besonders kultiviert, und vor ein paar Jahren haben sich Documenta, Art Basel und die Skulpturenprojekte in Münster damit gemeinsam vermarkt – als obligatorische Rundreise für den Kunstkenner.

Und die Bildungsreise? Ist heute was für Senioren.

(Erschienen im gedrucktenTagesspiegelvom 01.08.2010)