Im Tropismes hat mal Jacques Brel gesungen. Man kann sich das kaum vorstellen. Wo soll das gewesen sein? Hinter dem Tisch mit den Gedichtbänden oder da, neben dem Regal mit den Atlanten? Doch es ist wahr. Und das Tropismes ist nicht die einzige Buchhandlung in Europa, die neben Regalen voller Geschichten auch eine eigene interessante Historie vorzuweisen hat. 

Die alteingesessenen unter den Buchhandlungen sind oft Teil der Stadtgeschichte. In ihren Regalen versammeln sie Wissenswertes, Unterhaltung und Hochkultur. Die Mitarbeiter helfen nicht nur dabei, den richtigen Roman für den Sommerurlaub zu finden oder das Nachschlagewerk für die Hausarbeit. Sie kennen sich meist auch aus mit dem kulturellen Angebot der Stadt und geben ihr Wissen gern weiter. Sie weisen auf unbekannte Autoren hin und schaffen mit ihren Tipps ein Gegengewicht zu den Bestsellerlisten. Buchhandlungen sind auch Treffpunkte: An den Lesetischen sitzt der Schriftsteller neben dem Schüler. Was alle eint ist die Liebe – oder zumindest das Interesse – am Buch.

Früher waren traditionelle Buchhandlungen feste Größen im Stadtbild. Online-Buchhandel und große Filialisten haben viele der kleineren Läden verdrängt. Der Autor, Übersetzer und Leiter des Hamburger Literaturhaus Rainer Moritz hat sich deswegen gemeinsam mit dem Fotografen Reto Guntli auf eine Reise zu den Geschäften begeben, die gleichermaßen Orte der Geschichte und Geschichten sind. In ihrem Buch Die schönsten Buchhandlungen Europas stellen sie 20 Buchhandlungen zwischen Rom und Hamburg vor. Wer darin blättert merkt schnell: die Kriterien für Schönheit könnten unterschiedlicher kaum sein.

Da gibt es die Kirche, in der schon ein Boxring stand, bevor die Bücherregale angebracht wurden. Oder den Museumsshop der so aussieht, wie man sich das Innere eines iPod vorstellt. Oder den kleinen Pariser Laden, dessen Auslage schon Marcel Proust betrachtete. Was alle gemeinsam haben ist, schreibt Rainer Moritz, dass sie sich "durch unverwechselbare Eigenarten auszeichnen, von Enthusiasten betrieben werden und die Kunden zum Lesen verführen". Letzteres gelingt auch Moritz und Guntli: man möchte die Koffer packen und die Orte selbst sehen, die sie vorstellen.

Man möchte in ihren Räumen stöbern, blättern, Zeit verbringen. Der Bildband regt aber auch dazu an, nach jenen Buchläden Ausschau zu halten, die es nicht in diese Ausgabe geschafft haben. Aber über die sicher auch die eine oder andere Geschichte erzählen ließe.

Rainer Moritz: Die schönsten Buchhandlungen Europas; Fotos von Reto Guntli; Gerstenberg Verlag, 2010, 200 S., 39,95 Euro, ISBN 978-3-8369-2613-3