"Darin soll man sitzen können?", fragt eine Frau, bevor sie sich zögerlich niederlässt. Der Sessel ist kein Unbekannter – es ist das Modell Egg von Arne Jacobsen – aber die Schalenform scheint dann doch gewöhnungsbedürftiger zu sein, als der Verkaufserfolg des Sessels ahnen lässt. "Und?" fragt Sine Schmidt. "Sehr bequem", lautet das Urteil.

Schmidt strahlt. Die 38-jährige Kunsthistorikerin freut es, wenn dänisches Design die Menschen zum Staunen bringt. Und sie lebt davon: Sie führt designinteressierte Touristen durch ihre Heimatstadt Kopenhagen. Denn wer etwas wirklich Außergewöhnliches finden will, muss sich auskennen in der Stadt. Oder mit Schmidt auf einen zweistündigen Stadtrundgang gehen.

Die Tour beginnt hier im Hotel Radisson Blu Royal, einem monströsen Kasten aus Glas und Metall. Erst wenn man die Lobby betreten hat, versteht man, warum: Überall stehen die Egg - und Swan -Sessel des dänischen Stardesigners Arne Jacobsen. Von ihm entworfene Lampen sorgen für schummriges Licht. Eine Wendeltreppe führt in die oberen Stockwerke. Neben der Rezeption sind kleine Schilder angebracht, die dezent auf frühere Gäste hinweisen: Willy Brandt, Nelson Mandela, Liv Ullmann – man ist als Gast in guter Gesellschaft.

Für ihren Vortrag über Jacobsen hat Sine Schmidt ihre Gäste in den Jacobsen-Sesseln Platz nehmen lassen. Die Idee zu ihrer Stadtführung kam der Kunsthistorikerin während eines gemeinsamen Urlaubs mit ihrer Freundin Kristine. Im litauischen Vilnius waren die beiden schnell gelangweilt von den üblichen Sehenswürdigkeiten. Sie wollten die Stadt aus der Sicht von Einheimischen kennenlernen. "Wir haben Frauen angesprochen, die uns sympathisch erschienen und sie nach ihren Lieblingsorten gefragt. Auf diese Weise haben wir viel entdeckt", sagt Schmidt.

Zurück in Kopenhagen gründeten die beiden das Unternehmen Cph:cool und bieten seit inzwischen fünf Jahren Städtetouren abseits der Norm an. "Nie mehr Monumente und Museen" lautet das Motto von Cph:cool. "Es ist, als würde man sich für zwei Stunden eine Freundin mieten, die einem ihre Stadt zeigt."

Diese Freundin hat ihren Preis: 200 Euro berechnen die Stadtführerinnen für bis zu fünf Teilnehmer. Ihre Touren heißen Urban Cool oder Shop-o-rama und weihen die Besucher wahlweise in die Mode- oder Gastrogeheimnisse Kopenhagens ein, führen zu den architektonischen Besonderheiten der Stadt oder durch das Boheme-Viertel Vesterbrø. Die Gäste sollten der englischen Sprache mächtig sein: Ihr Schuldeutsch sei für eine Führung nicht mehr gut genug, sagt Sine Schmidt.

Eigentlich müsste sie gar nichts sagen: allein anhand ihrer Kleidung kann man sehen, dass sie Ahnung hat von dem, worüber sie spricht. Mit ihrem blauen Sommerkleid in Wadenlänge und der eckigen Hornbrille könnte sie eine flachsblonde Miss Moneypenny sein, die in der Lobby auf ihren James wartet.

Die Dänin hat ihr ganzes Leben in Kopenhagen verbracht. Geboren und aufgewachsen ist sie im Stadtteil Christianshavn. Sie kennt in Kopenhagen nahezu jeden Pflasterstein, findet aber immer noch genügend Gründe, um von der Stadt zu schwärmen. Dabei gestikuliert sie, als würden ihre Worte allein der Stadt gar nicht gerecht.

"Die Sessel hat Arne Jacobsen vor 50 Jahren eigens für dieses Hotel erdacht." Genau wie die Architektur des Gebäudes und jedes noch so kleine Detail, von den Türschlössern bis hin zum Restaurantbesteck. Letzteres war "so modern, dass Stanley Kubrick es später in seinem Film 2001: A Space Odyssey einsetzte."