Einige Flecken dieser Erde sind so wunderbar und zugleich so verletzlich, dass wir sie lieber nie betreten sollten. Es wäre besser, wir würden sie einfach aus der Ferne bewundern, allenfalls einen Beobachter entsenden, der uns davon berichtet

Eine Landschaft, auf die das sicher zutrifft, ist Kronozkij Sapowednik, ein abgeschiedenes Naturreservat im Osten der russischen Halbinsel Kamtschatka. Mehr als 1500 Kilometer erstreckt es sich die Pazifikküste entlang. Es ist ein prachtvolles Terrain, dynamisch und üppig, wild und filigran, eine Fläche, fast so groß wie Schleswig-Holstein, voller Vulkane und Wald, Tundra und Flussauen. Mehr als 700 Braunbären teilen sich dieses Revier, an der Küste tummelt sich eine Kolonie Stellerscher Seelöwen. Die Flüsse und Seen wimmeln von mehreren Lachsarten und Forellen, aus der Luft spähen Adler und Gerfalken, am Boden hungrige Vielfraße nach Beute. Dieses Land ist alles in allem schlichtweg zu schön, um nur ein weiteres Reiseziel zu sein.

Doch so viel, wie das Naturreservat Kronozkij zu bieten hat, so viel kann hier zerstört werden. Und was einmal geschädigt wurde, gesundet nur stockend – wegen der Höhenlage, des langsamen Wachstums der Pflanzen, des Einflusses von Vulkanen und Geysiren und wegen des rauen Klimas. Russlands Regierung hat die Verletzlichkeit des Ökosystems anerkannt und Zugangsregeln erlassen, die kurz gefasst etwa so lauten: "Sperrzone zur Erforschung und zum Schutz von Flora, Fauna und Geologie; Tourismus beschränkt oder verboten; danke für Ihr Interesse, aber bleiben Sie draußen."

Wissenschaftler dürfen solche Schutzgebiete (Sapowedniki) betreten, jedoch nur zum Zwecke der Forschung und unter strengen Auflagen. Unter den derzeit 101 Naturschutzgebieten Russlands wurde Kronozkij 1934 als eines der ersten eingerichtet. 1996 wurde sie zum Weltnaturerbe erklärt. Ein zweites Argument dafür hatte die Hydrologin Tatjana I. Ustinowa bereits 1941 ausgemacht: die Geysire.

Im kalten Frühling jenes Jahres erkundeten Ustinowa und ihr Führer per Hundeschlitten das Quellgebiet des Flusses Schumnaja. Einmal bemerkten sie in einiger Entfernung eine riesige Dampffontäne. Monate später war Ustinowa wieder dort, um die Gegend zu kartieren. Am Ende hatte sie rund 40 Geysire verzeichnet.

Der Nebenarm des Flusses, den sie damals befuhr, heißt heute Geisernaja. Über einer seiner Biegungen erhebt sich ein Hang namens Witrasch, was man mit "buntes Glas" übersetzen kann. Vielfarbige Ablagerungen aus etwa 20 großen und kleinen Schlotöffnungen verhalfen ihm zu dieser Bezeichnung. Das Tal der Geysire (Do-lina Geiserow) ist weltweit eines der größten Areale heißer Quellen, vergleichbar mit dem Gebiet des Yellowstone-Nationalparks in den USA.

Wo die Erde Dampf speit, gibt es auch Vulkane. Kamtschatka ist voll davon. Etwa zwei Dutzend liegen im Schutzgebiet oder entlang seiner Grenzen. Der größte ist der Kronozkij-Vulkan, sein perfekter Kegel ragt 3521 Meter in die Höhe. Sein kleinerer Zwilling, der Krascheninnikow-Vulkan (benannt nach Stepan Petrowitsch Krascheninnikow, einem Naturkundler, der Kamtschatka zu Anfang des 18. Jahrhunderts erforschte), erhebt sich gleich auf der anderen Seite des Flusses Kronozkaja.