ZEIT ONLINE: Der Neue Botanische Garten war das größte EXPO-Projekt, dazu eines der wenigen, das bleiben wird. Dennoch bestimmten eher die Bilder bunter Pavillons die Berichte von der Weltausstellung.

Christoph Valentien: Tatsächlich ist das kurios, wie von der EXPO berichtet wurde. Eher kam eine halbe Seite über den Koch des deutschen Pavillons als über unseren Garten. Obwohl der auf 200 Hektar Ernst macht mit dem Thema der Weltausstellung: better city, better life . Aber das Publikum strömte in Scharen. An normalen Tagen hatten wir 10.000 Besucher, zu Spitzenzeiten 30.000. Und das, obwohl der Garten dreißig Kilometer südwestlich des Zentrums liegt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es dort draußen aus – in der Ausschreibung wurde das Gelände ja noch als "Bauerwartungsland" eingestuft.

Valentien: Mittlerweile ist die Stadt mit Macht herangerückt. Bald wird der Garten in sie eingebettet sein. Er liegt in der weiten Ebene des Jangtse-Deltas. Das Grundwasser steht sehr hoch – eine riesige Feuchtlandschaft also.

ZEIT ONLINE: Mit einer markanten Ausnahme: Mitten im Schwemmland ragen dort plötzlich Granitkuppen auf. Magische Solitäre, auf denen Tempel und Pavillons thronen, sogar eine neugotische Kirche aus der Kolonialzeit.

Valentien: Die Lage war ein Glücksfall für uns. Auf Chinesisch heißen diese Zeugenberge "Die neun Gipfel in den Wolken". Die Gegend diente schon früh als Erholungsgebiet und ist Teil der langfristigen Entwicklungsplanung Shanghais. Heute gibt es dort einen Naturpark, einen Vergnügungspark, Luxushotels und Golfplätze sowie mehrere Universitäten.

ZEIT ONLINE: Berge im Norden, Seen in der Mitte, nach Süden ausgerichtete Gebäude – Feng-Shui-Anhängern wird das Herz höher schlagen.

Valentien: Auf derartigen Prinzipien beruhen tatsächlich viele chinesische Stadtgründungen. Wir haben uns intensiv mit der Tradition auseinandergesetzt, wollten aber keine vordergründigen Zitate einbauen. Gärten sind für Chinesen wie ein Traum; sie stehen für die Schönheit der Natur. Die klassischen Beispiele hier am Jangtse waren Lustgärten wohlhabender Kaufleute oder Beamter, hinzukommen die großen kaiserlichen Gärten in Peking. Private Refugien wie Haus- oder Schrebergärten dagegen gibt es in China nicht. Da aber neue Ideen aus Europa durchaus auf Interesse stoßen, könnten sie sich künftig auch hier etablieren.

ZEIT ONLINE: Welche Bezüge zur Tradition finden sich noch in Ihrem Garten?

Valentien: Die Symbolik von Quadrat und Kreis etwa. Auf die stößt man in China überall, an einfachen Häusern ebenso wie beim Kaiserpalast. Wir haben in einem Karree von Ausfahrtstraßen einen grünen Ring modelliert, sieben bis vierzehn Meter hoch, fünf Kilometer im Umfang. Dieser begehbare Wall schirmt den Garten von der Außenwelt ab und dient selbst als ein wichtiger Standort.