Jeder sollte das Glück haben, einen besonderen Ort sein eigen nennen zu können – einen Ort, an dem man eine besonders enge Verbindung zum Leben spürt. Einen Ort, an dem die letztlich meist trivialen Sorgen des Lebens an einem abperlen wie Wasser an einem Blatt. Ein Ort der Ruhe, der Erholung und des Friedens. Für mich ist dieser Ort das Hoh Valley. Ich habe es mit meinen Ohren entdeckt.

Aber nicht bei meinem ersten Besuch. Zum ersten Mal ging ich den Pfad durch das Hoh Valley in meinem letzten Sommer als Student der Botanik an der Universität von Wisconsin. Das war 1975 und ich machte gerade einen Fotokurs an einem anderen College. In meinem Rucksack befand sich eine Olympus OM-2 und jede Menge Rollen Kodachrome 25, mit denen ich den spektakulären Regenwald fotografieren wollte, der sich über mir erhob. Ich machte jede Menge Fotos, aber als ich sie später ansah, war ich enttäuscht.

Warum, begriff ich erst sechs Jahre später als ich zurückkehrte und – nicht als Betrachter, sondern als Zuhörer – begann, den seltenen Charme dieses abgeschiedenen Tals zu verstehen. Das war am Beginn meiner Karriere als akustischer Ökologe und Sammler von Naturgeräuschen.

Seitdem habe ich die Erde dreimal umrundet, immer auf der Suche nach den makellosen Klängen der Natur, unverfälscht vom Lärm der Menschheit. Ich war auf jedem Kontinent, außer der Antarktis, und habe meine Ausrüstung in jedem Bundesstaat der USA aufgestellt; ich war in beinahe jedem Nationalpark.

Trotzdem bin ich fast immer enttäuscht. Gewöhnlich ist da der Lärm der LKWs auf einer 15 Kilometer entfernten Straße. Oder das gleichmäßige tiefe Brummen einer Papierfabrik. Oder das Dröhnen von Flugzeugen weit oben am Himmel. Immer öfter lausche ich nach etwas, das längst verschwunden ist – und das ist der Grund, warum ich immer wieder ins Hoh Valley zurückkehre. Versteckt in einer abgelegenen und oft übersehen Ecke der USA, in einem Nationalpark, der nicht von Straßen durchkreuzt wird wie viele andere und abseits der meisten Flugzeugrouten, bleibt das Hoh Valley ein Paradies für diejenigen, die genau hinhören – und ein nationales Kulturgut. Ich denke, es ist der leiseste Ort der gesamten USA ... wenn man Alaska mal außen vor lässt.

Selbst in der Regenzeit lohnt es sich, genau hinzuhören. Jede Art von Regen klingt unterschiedlich, und jedes Blatt und jeder Teil des Waldes scheint seinen eigenen Sound zu erzeugen, wenn man nur nah genug kommt, um ihn wahrzunehmen. Der Rhythmus des Regens auf einem trockenen Ahornblatt, der weiche Klang eines einzelnen Tropfens, der auf einem Mooskissen landet.

Es ergeben sich faszinierende Verzögerungen in diesem pazifischen Regenwald. Denn durch die dichte Baumkrone fällt kaum ein Regentropfen direkt aus dem Himmel zu Boden. Stattdessen hört man Schauer und Nieseln und einzelne schwere Tropfen, die sich wie in einer der verrückten Maschinen des Erfinders Rube Goldberg über zahllose Umwege ihren Weg durch die Baumkronen bahnen, von Blatt zu Blatt fallen, und schließlich auf dem Boden landen.

Herbst ist meine liebste Jahreszeit im Hoh. Wenn ich auf dem Parkplatz des Besucherzentrums ankomme und mein Auto abstelle, höre ich zuerst das Knacken des abkühlenden Motors. Auch wenn ich schon über einen Kilometer in den Wald hinein gegangen bin, kann ich immer noch das Biep-Biep hören, mit dem ein elektronischen Türschloss lautstark verkündet, dass es nun verriegelt ist. Aber Schritt für Schritt fallen die Erinnerungen an die Zivilisation von mir ab.

Herbst im Hoh Tal

Wenn ich das alte Flussbett hochklettere und auf dem ersten Plateau ankomme, auf dem einige der größten Bäume dieses Waldes stehen, muss ich an eine Kirche denken. In ihrer Höhe und Ausdehnung sind diese riesigen Rottannen das natürliche Gegenstück zur Washington National Cathedral, auch die Stille ist ähnlich, denn der rauschende Fluss ist an diesem Punkt der Wanderung weit entfernt. Wenn es windstill ist und nicht regnet, hat mir mein Messgerät hier schon Werte um die 20 Dezibel angezeigt, vergleichbar einem stillen Schlafzimmer bei Nacht.