Ein Spaziergang mit Torkil Damhaug durch Oslo ist eigentlich eine angenehme Sache, so geduldig und auskunftsfreudig, wie der Schriftsteller ist. Aber es geht dabei auch ziemlich blutig zu. Wenn man mit Damhaug zum Beispiel in dem wunderbaren Restaurant Frognerseteren sitzt, das aussieht wie die norwegische Version eines Schwarzwaldhauses und hoch über der Stadt thront, mit Blick auf den Fjord, kann es passieren, dass er plötzlich einen Mordfall erwähnt. “In den Wäldern hier in der Nähe wird eine Frau umgebracht”, erzählt er. “Und die Polizei findet Bärenspuren, obwohl hundert Jahre lang keines der Tiere mehr gesehen wurde.” Oder man passiert einen kleinen Park im Zentrum, wo Damhaug sich prompt daran erinnert, dass man “dahinten” auch mal eine Leiche gefunden habe, und hier im Grünen überfalle im Übrigen Jim Harris die wehrlose Liss.

Damhaugs Oslo ist eine gefährliche, gewalttätige Stadt. Gott sei Dank sind seine Geschichten reine Fantasie, Episoden aus den Krimis des 52-Jährigen. In Deutschland wurde soeben sein neues Buch veröffentlicht, es heißt Die Netzhaut, und der Verlag war so klug, auf die Rückseite des Buchumschlags eine Karte der norwegischen Hauptstadt zu drucken; dort sind alle Schauplätze des Thrillers verzeichnet. Denn das in Wahrheit recht friedliche Oslo ist der heimliche Hauptdarsteller in den Büchern des studierten Psychologen, zumindest in jenen zwei, die ins Deutsche übersetzt wurden: im aktuellen ebenso wie im bereits 2009 erschienenen Die Bärenkralle.

In seinem Heimatland ist Damhaug ein Star. Die Netzhaut verkaufte sich dort, bei einer Bevölkerung von weniger als fünf Millionen Menschen, fast 60.000 Mal, stand wochenlang in den Bestsellerlisten. Die Kritiken waren positiv, die Zeitung Dagbladet bezeichnet Damhaug sogar als “Norwegens neuen Thrillerkönig”. Und die Chancen stehen gut, dass er hierzulande ebenfalls Erfolg haben wird. Nicht nur, weil Die Netzhaut – eine Geschichte, die sich um zwei ungleiche Schwestern, Kindesmissbrauch und einen rätselhaften Mord dreht – tatsächlich spannend ist bis zum Schluss. Sondern natürlich auch, weil die Deutschen eine Leidenschaft für skandinavische Krimiautoren hegen, vom Schweden Stieg Larsson über den Dänen Jussi Adler-Olsen bis zu Damhaugs Landsmann Jo Nesboe.

Warum? Da kann Torkil Damhaug nur lächeln und mit den Schultern zucken: “Das fragen Sie mich?” Die gängige Theorie will es, dass Kälte und Dunkelheit, die dem Norden Europas etwas Düsteres, Depressives verleihen, daran schuld sind. Aber wenn man Oslo so an einem milden Herbsttag sieht, während sich Sonne und sanfte Regenschauer abwechseln und der gewaltige Regenbogen am Himmel gar nicht verschwinden mag, erscheint das wenig plausibel. In Windeseile ist man außerhalb der Stadt, inmitten von Bergen und schönsten Wäldern, und wenn man mit der Fähre am Oslofjord entlanggleitet, sieht man ein pittoreskes Holzhäuschen neben dem anderen.

Torkil Damhaug ist in Lillehammer geboren, aber er wuchs in einem Vorort von Oslo auf, 20 Kilometer entfernt vom Zentrum der 600 000-Einwohner-Stadt. Nach Wanderjahren im europäischen Ausland wohnt er wieder dort, schon seit 1994. Er kennt wohl jede Ecke der Stadt. An einem seiner früheren Romane, der in Hamburg spielt, mühte sich Damhaug sechs Jahre ab, lief durch die Straßen von St. Georg, vergrub sich in historische Bücher. Die Netzhaut war dagegen das Ergebnis “impulsiven Schreibens”, wie er sagt. Denn die Schauplätze, die Gerüche und Geräusche Oslos, sie sind irgendwie auch Teil von ihm selbst.

Nach Die Bärenkralle, das Damhaug als “Herbstbuch” bezeichnet, ist Die Netzhaut nun ein “Winterbuch” geworden; die kalte Atmosphäre verleiht dem Krimi zusätzlich etwas Geheimnisvolles. “Die Jahreszeiten spielen eine große Rolle in Oslo”, sagt der Schriftsteller. Weil die Unterschiede zwischen ihnen größer sind als anderswo. Die nicht enden wollenden Tage im Sommer, Schnee und Dunkelheit im Winter. Und doch: Die kalte Jahreszeit sei in Oslo viel besser als ihr Ruf, meint Damhaug. Die Zeiten, als im Winter alles früh schloss, seien lange vorbei – und die Stadt auch im November eine Reise wert. “Die Kulturszene hier ist erstaunlich lebendig”, sagt Damhaug.

Als der Schriftsteller ein Kind war, war Oslo grau, geprägt von Industrie und Schifffahrt. “Heute hat es sich herausgemacht, sich dem Meer geöffnet, ähnlich wie Hamburg.” Es ist Samstagabend und Damhaug sitzt im Solsiden, einem schicken Fischrestaurant, das wie gemacht ist, um den Autor zu bestätigen. Vom Tisch, auf dem eine große Schale mit Krabben, Hummer und Austern steht, sieht man durch eine große Fensterfront direkt aufs Meer. Das Lokal befindet sich in einem umgebauten Lagerhaus im Hafen. Unweit von hier steht auch das spektakuläre neue Opernhaus, das an einen treibenden Eisberg erinnert, eröffnet im April 2008. Der Standort am Hafen war damals umstritten, weil dieser Teil der Stadt nicht gerade als der schönste galt. “Mittlerweile bereut kaum mehr jemand die Entscheidung.”