Duisburg war in den 40er und 50er Jahren für mich eine abgeschlossene Welt. Ich konnte nicht weiter gucken als bis zu den Hochöfen auf der einen Seite und dem Rhein auf der anderen. Bis ich 16 war, fuhr ich kaum woanders hin, höchstens nach Trier zu meiner Großmutter. Das war für mich etwa so, als würde man heute nach Tokio oder Los Angeles reisen.

Unser Stadtteil war Rheinhausen, links des Rheins, wir wohnten in der Jahnstraße 25. Das war eine richtige Spielstraße, höchstens 500 Meter lang, ruhig und grün, für damalige Verhältnisse fast luxuriös. Wir haben mit den Nachbarkindern immer "Steiger fangen" gespielt. Das ging so: Alle verstecken sich, einer zählt bis 100, fängt an, die anderen zu suchen und wenn er jemanden gefunden hat, muss er ihn am Baum abschlagen. Dafür hatten wir einen besonderen Baum, er stand mitten auf der Straße, die Autos mussten rechts und links an ihm vorbeifahren. Wir versteckten uns oft in den Gärten hinter den Häusern. Das gab Dramen mit den Nachbarn, Riesenkräche wegen plattgetretener Blumen.

Wir lebten in einem Reihenhaus, hatten 80 Quadratmeter, verteilt über drei Etagen. Ich hatte unter dem Dach ein kleines separates
Eckchen mit einer Tür, zwei Betten standen darin, da habe ich mit meinem drei Jahre älteren Bruder gewohnt. Es gab ein kleines Fenster, jeden Morgen konnte man von der Bank eine Schicht rot-schwarzen Staub wischen. Der kam von den Loren, die knapp 500 Meter entfernt hinter dem Haus entlangfuhren. Sie brachten den Kupferabfall aus der Krupp-Hütte. In großen Baggerlöchern wurde der heiße, glühende Kupfer entsorgt.

Hinter den Gruben kam sofort der Damm, dahinter lag der Rhein. Die Schule war zehn Minuten zu Fuß entfernt, ab 1950 ging ich dorthin, zum Fußballplatz brauchte man 20 Minuten und zu den Rheinwiesen zehn.

Das war meine Welt. Aber auf einem meiner Erkundungsgänge durch diese Welt habe ich einen der größten Glücksfälle meiner Kindheit erlebt: Mit acht Jahren entdeckte ich in den Trümmern eines Hauses eine leicht verschimmelte Bierdeckelsammlung. Die habe ich sofort mitgenommen, meine Mutter war alles andere als erfreut. Sie sagte, da sind bestimmt Wanzen drin, die musst du erst mal absprühen. Hat mich nicht abgehalten. Dann beschloss ich selber welche zu sammeln, wahrscheinlich kamen aber nur noch fünf dazu. Und bei einem Umzug Jahre später habe ich die Sammlung schließlich weggeschmissen.

Mehr als 200 Bilder und Filme aus dem Gesamtwerk Peter Lindberghs zeigt die C/O-Galerie in Berlin vom 24. September 2010 bis 9. Januar 2011

Auf der anderen Seite der Verbindungsstraße stand die Trinkhalle. Da gab es für uns Kinder Mohrenköpfe, manchmal kaufte ich einen Sechser-Pack. Obwohl es bei uns zu Hause immer Süßigkeiten gab. Mein Vater war Vertreter für Leckerland, morgens schmierte meine Mutter Brötchen mit Butter, steckte Schokoladen zwischen die Hälften und klappte sie zu. Auf dem Pausenhof scharten sich meine Klassenkameraden um mich, und wollten ganz scheinheilig wissen, was ich am Nachmittag so mache. Gegen Gefallen hab’ ich denen dann etwas von den Brötchen abgegeben. Wenn einer meine Tasche von der Schule nach Hause getragen hat, gab es zum Beispiel eine Hälfte.

In den ersten Jahren wurde ich für meine guten Zähne vor der Klasse vorgeführt. Guck mal hier, der Peter, der hat Zähne wie ein Pferd, haben die Lehrer gesagt. Das fand ich so cool, dass ich mir die Zähne danach sehr unregelmäßig geputzt habe. Zwei Jahre später wurde ich nicht mehr nach vorne gebeten, ich hatte dann schon vier Plomben.