Kurt Biedenkopf steht am Rednerpult, klein, weißhaarig, energisch. Der Raum ist gut gefüllt; Biedenkopf spricht klar und konzentriert und als er einmal Chirac und Mitterrand verwechselt, souffliert seine überaus aufmerksame Gattin aus der dritten Reihe. "Danke, gnädige Frau", ruft Biedenkopf und redet weiter. Hinter dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen glänzt durch eine meterlange Fensterfront die Sonne – und das offene Meer.

Biedenkopf trägt in der Panorama-Lounge der MS Bremen vor; er ist einer der Experten auf einer Kreuzfahrt mit dem Motto "Expedition Wissen". Hapag-Lloyd adaptiert mit diesen Studienreisen das Konzept der Naturexpeditionen auf klassische Fahrtziele wie das Mittelmeer und Asien: Politiker, Wissenschaftler, Ökonomen und Journalisten sprechen zu einem eingegrenzten Thema, das auf Landgängen vertieft werden kann. Für die Fahrt von Cuxhaven nach Livorno sprechen drei Experten über "Europa – der lange Weg zum Frieden".

Drei Experten, drei Karrieren, drei unterschiedliche Typen von Mensch: Da ist Kurt Biedenkopf, geboren 1930, jahrzehntelang im Alltag des Berufspolitikers diskursiv gestählt, prägnant und wissenschaftlich-analytisch mit einem Faible für Ordnungs- und Wirtschaftspolitik. Da ist Klaus Neubert, geboren 1942, Botschafter außer Dienst, der New York, Moskau, Rom, Paris nicht nur gesehen, sondern in ihren Transformationen erlebt hat, der argumentativ ausschweift und mit jugendlichem Elan bis nach Mitternacht diskutiert. Und da ist Heinz Duchhardt, geboren 1943, Professor für Europäische Geschichte in Mainz, aufmerksam und ausgleichend, ein Reflektor mit den besten Qualitäten eines Mediators.

Ihre Vorträge – historische Abrisse, Gegenwarts-Analyse und Vorausschau – beinhalten immer wieder Fragen: Wo endet Europa, wo die Europäische Union? Im Kaukasus, im Mahgreb, in Israel? Die einen sind in Gremien und Partnerschaften eingebunden, die anderen in Fußball-Ligen und europäische Singwettbewerbe. Sind Russland und die Türkei europäische Länder oder sind es nicht vielmehr bi-kontinentale Staaten mit einer zweiseitigen Interessenpolitik? Ist Europa eigenständig oder ein Appendix Asiens? Nichtsdestotrotz ist Europa nach Meinung der Experten eine einmalige Erfolgsgeschichte: Nie gab es so lange Frieden, nie so ein Maß an Wohlstand. Das Paradies bedroht sich eher aus dem Inneren, durch einen vermeintlichen Anspruch auf stetiges Wachstum und der Hinwendung vom Primat der Politik zum Primat der Wirtschaft.

Diese Fragen tauchen bei abendlichen Talkrunden wieder auf, wenn die Kreuzfahrt-Gäste mit Biedenkopf, Neubert, Duchhardt diskutieren. Die Frauen der Experten sitzen in der ersten Reihe, kommentierend, lobend, anfeuernd, aufmunternd, ein Chor starker Frauen hinter erfolgreichen Männern – Männern, die Europa machen. Europa ist nach einer Frau benannt und auf Landkarten des 16. Jahrhunderts auch so dargestellt; auf der "Expedition Wissen" aber sind Frauen als Experten nur selten eingeladen.

Auf die Frage, warum das so sei, stutzt Sebastian Ahrens, eloquenter Sprecher der Geschäftsleitung von Hapag Lloyd und Ideengeber von "Expedition Wissen"; dann fordert er: "Nennen Sie mir zehn Frauen!" Auch in diesem Punkt spiegelt die Kreuzfahrt die Gesellschaft an Land, statt sie im Kleinen zu ändern: Noch immer sind nur sehr wenige Frauen in den Positionen des Diplomaten, Staatssekretärs, Botschafters, in Top-Positionen der Wirtschaft, an der Universität, in Politik und Journalismus.

Ihren außergewöhnlichen Karrieren verdanken die drei Experten ihre Einladung auf die MS Bremen. Darüber, wie sicher sie an Bord auftreten, entscheidet aber auch der Seegang. Biedenkopf, 32 Jahre lang passionierter Segler, macht die Dünung nichts aus. Die Entschuldigung eines Zuhörers aus der ersten Reihe, er sei von seinem Platz wegen plötzlich auftretender Übelkeit aufgestanden und keineswegs wegen des Themas, kontert der Politiker professionell: "Das habe ich gar nicht gemerkt, dass Sie den Raum verlassen haben."

Nicht jeder ist so eine stabile Natur wie der Achtzigjährige. Aber viele der Kreuzfahrtteilnehmer gehören seiner Generation an. Ein Reisender bescheinigt einer der wenigen Frauen in ihren Dreißigern an Bord ein "Babyalter", ein anderer bedauert, als diese vor ihm von Bord geht: "Dann sind ja nur noch Alte hier."