Der Samtvorhang am Ende der schmalen Treppen ist zur Seite gezogen. Er gibt den Blick frei auf den Tanzsaal des Plaza Bohemia in Buenos Aires. Zu den Klängen klassischer Tangomusik schieben sich die Tänzer Wange an Wange, mit geschlossen Augen über das Parkett. So natürlich, so leichtfüßig sind ihre Bewegungen, dass die wenigen Zuschauer, die es sich an den Tischen bequem gemacht haben, leicht übersehen könnten, dass sich dieser Tango-Abend von den unzähligen anderen in Buenos Aires unterscheidet.

Neben einer Handvoll Mann-Frau-Paaren tanzen hier meist Männer mit Männern. Vereinzelt sieht man auch Frauen ihre Partnerinnen über die Tanzfläche führen. Queer Tango heißt diese Variante des berühmten Tanzes.

Die Entwicklung ist jung und keineswegs selbstverständlich. Wurde doch der Tango, der seinen Ursprung Ende des 19. Jahrhunderts nimmt, stets als Ausdruck einer traditionellen, männerdominierten Rollenverteilung verstanden. "El hombre conduce y la mujer luce" ("Der Mann führt und die Frau glänzt") lautet ein geflügeltes Wort.

Unter vielen jungen Argentiniern gilt der Tango deswegen als Relikt aus einer vergangenen Zeit. Tatsächlich ist er vielerorts zu einer rein touristischen Tanzshow verkommen. Im Queer Tango hat er nun einen neuen Ansatz gefunden, der Tradition und Moderne der Hafenstadt am Río de la Plata virtuos verbindet.

Seine Fortschrittlichkeit stellte Argentinien erst vor Kurzem wieder unter Beweis. Am 15. Juli legalisierte die Regierung die gleichgeschlechtliche Ehe. Argentinien ist damit das erste Land in Lateinamerika, das homosexuellen Paaren die Hochzeit erlaubt. Nur in Mexiko-Stadt können sich schwule oder lesbische Paare ebenfalls das Ja-Wort geben. Weltweit haben erst zehn Länder überhaupt die Homo-Ehe bisher einführt. Deutschland gehört nicht dazu.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre haben Buenos Aires zu einem beliebten Reiseziel für homosexuelle Touristen gemacht. Neben den zahlreichen Sehenswürdigkeiten und einem großen kulturellen Angebot hat die argentinische Hauptstadt speziell für Schwule und Lesben vieles zu bieten: Zahlreiche Clubs und Bars, vor allem im Szeneviertel Palermo, zielen auf ein homosexuelles Publikum ab. Darunter Pioniere wie das Sitges, das vor über zehn Jahren seine Türen öffnete, oder das Casa Brandon, ein Treffpunkt für Film- und Kunstliebhaber. Zum Tanzen sollte man auf jeden Fall einmal in den Human Club gehen. Etwa 2000 Menschen zieht es jeden Samstag auf die beiden geräumigen Tanzflächen. Im Sommer kann man auf der Terrasse die Sonne über dem Río de la Plata aufgehen sehen. Auch heterosexuelle Partygänger sind willkommen: "mix friendly" lautet das Konzept des Clubs.