Der Norweger Ole Jørgen Kjellmark kniet in der Kirche in Røros und gräbt den Boden um. Zusammen mit seinen Kollegen renoviert der gelernte Bauingenieur das viertgrößte Gotteshaus Norwegens, das 1784 "zu Gottes Ehre und zur Zierde der Bergwerkstadt Røros" erbaut wurde. Eine Zierde ist das Gebäude zurzeit nur von außen: Von den Stützbalken bis zur Empore ist alles in Plastikfolie eingewickelt. Nur der Kronleuchter hängt nackt an der Decke.

"Es ist eine Menge Arbeit", sagt Ingenieur Ole Jørgen, "wir müssen jedes einzelne Fundstück am Computer registrieren, selbst morsche Holzbalken". Neulich hat er ein Gebetsbuch aus dem 18. Jahrhundert hinter der Wandpaneele hervorgezogen und ins Museum gebracht.

Auf den korrekten Ablauf achtet besonders ein Mann mit blauem Helm, der an diesem Tag auf dem Dachboden zwischen den Arbeitern herumklettert, Holzbalken befühlt, sich Notizen macht und Fragen stellt. Er ist der norwegische Reichsantiquar, zuständig für die Überwachung von Arbeiten an denkmalgeschützten Gebäuden.

Der Bauingenieur Ole Jørgen Kjellmark

In Røros hat er sehr viel zu tun. Denn die ehemalige Bergwerkstadt, die knapp 400 Kilometer nordöstlich von Oslo an der Grenze zu Schweden liegt, ist eine der ältesten noch erhaltenen Holzstädte der Welt und wurde 1980 zum Unesco Weltkulturerbe erklärt. Das verpflichtet die Gemeinde, auf die Erhaltung nicht nur des Stadtbilds, sondern auch der Traditionen zu achten. Im Winter kann man sich deswegen mit einer Pferdekutsche vom Flughafen abholen lassen. Die Knie in eine Wolldecke gehüllt, den Geruch von modrigem Holz in der Nase lässt man sich von einem Pferd namens Prinz über die hügeligen Straßen ziehen – und fühlt sich dabei wie in einer Filmkulisse.

Trutzige Blockhäuser aus dem 17. Jahrhundert reihen sich aneinander. Jetzt, im Winter, tragen sie weiße Hauben wie damals die Mägde. Man würde sich nicht wundern, wenn plötzlich die Tür aufginge und ein altes Mütterchen mit Kopftuch und langem Rock herauskäme, einen geflochtenen Einkaufskorb in der Hand.

Zwei Milchkannen hängen neben einer Tür

Stattdessen geht eine Haustür auf und ein junges Mädchen mit Handy am Ohr springt auf den Gehsteig. Trotz der historischen Gebäude ist Røros eine normale norwegische Kleinstadt. Gerade das macht den besonderen Charme aus. 

Allerdings darf kein Bewohner etwas an den Gebäuden verändern – weder außen noch innen. An dem Haus mit der Nummer 8 hat jemand ein selbstgemaltes Schild "Privat Parkering" aufgehängt. Wenn das der Reichsantiquar sähe, wäre wohl eine Geldstrafe fällig.