Mit einem Kind ändert sich alles. Auch das Reisen. Und erst recht die Kommentare von außen, sobald Eltern bei ihrer Reise mal die eigenen Landesgrenzen übertreten oder gar Klima- und Zeitzonen überwinden. Das würden wir uns nie trauen, behaupten dann Freunde, die noch wenige Jahre zuvor einfach nur gesagt hätten: Wow!

Habt ihr euch das gut überlegt, fragen die besorgten Großeltern. Purer Egoismus, schimpfen einige sogar und irgendwie scheinen sich die meisten Eltern und Nicht-Eltern einig zu sein: Reisen, das ist nur was für Erwachsene. Davon haben Kinder doch noch nichts.

Solche Kommentare habe ich gesammelt wie andere Leute Briefmarken oder Panini-Bilder und zwar seit gut zwei Jahren: seit der Geburt meines Sohnes Nepomuk.

Denn auch wenn mein Mann und ich es ganz am Anfang noch geschafft haben, die Füße still zu halten, ist uns ziemlich schnell der Geduldsfaden gerissen. Mit einem Kind ändert sich zwar tatsächlich alles. Nur leider nicht dieses verflixte Fernweh.

Mit zwei Monaten bekam Nepomuk seinen eigenen Reisepass, kurz darauf flogen wir nach Santiago di Compostela. Das ging gut. Es ging sogar so gut, dass wir bald darauf Flüge nach Istanbul buchten und außerdem noch Visa für Syrien und Iran beantragten. Wir wollten den Anfang der Jahrtausende alten Seidenstraße Richtung China entlang reisen. Zu dritt.

Nepomuk war neun Monate alt, als wir aufbrachen. Wenn man Begriffe wie "Syrien" und "Iran" im gleichen Atemzug mit dem Wort "Baby" nennt, potenzieren sich die Kommentare von außen noch einmal.

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Neben Einwänden wie "Entführungen" und "Steinigungen" kam auch nun wieder vor allem ein Vorwurf: egoistisch. Also rief ich nicht nur beim Tropeninstitut, beim Kinderarzt und beim Auswärtigen Amt an. Sondern auch bei Gabriele Haug-Schnabel.

Die Inhaberin und Leiterin der Forschungsgruppe V erhaltensbiologie des Menschen ist dreifache Expertin in Sachen Reisen mit Kind – als Biologin, Ethnologin und Mutter von zwei Kindern.

Frage: Frau Haug-Schnabel, reisen Kinder gerne?

Gabriele Haug-Schnabel: Das hängt davon ab, wie viel Rücksicht die Eltern beim Reisen auf ihr Kind nehmen. Meine Erfahrung ist: Eltern, die mit kleinen Kindern eine größere Reise planen, sind meist sehr gut vorbereitet. Sie wollen ganz bewusst als Familie verreisen und haben ihr Kind mit seinen Bedürfnissen immer im Blick. Unter diesen Umständen wird eine Reise für das Kind nicht stressig. Im Gegenteil, sie hat sogar immense Vorteile.

Frage: Das Kind profitiert von einer Reise ins Ausland?

 

Haug-Schnabel: Schon für Babys kann ein Familienurlaub eine Bereicherung sein. Zum einen wegen des Faktors Zeit: Das Kind hat beide Eltern um sich, das sind optimale Voraussetzungen für die Eltern-Kind-Beziehung. Aber auch die fremde Umgebung kann ein toller Anreiz sein. Immer vorausgesetzt, die Eltern unterstützen das Kind dabei, diese Fremde ohne Angst zu erkunden. Dann lernen Kinder: Wenn sich die Welt um mich herum verändert, ist das nichts Schlimmes. Die wesentlichen Dinge bleiben gleich; die Nähe zu den Eltern etwa. Kinder, die früh auf Reisen waren, sind daran gewöhnt. Ein Ortswechsel wirft sie später nicht mehr so leicht aus der Bahn. Sie sind offener für neue Erfahrungen, von der Nahrung bis zu anderen Erlebnissen. Reisen macht weltoffener.

Frage: Ab welchem Alter ist es sinnvoll, Kinder mitzunehmen?

Haug-Schnabel: Früher als man denkt. In den ersten Monaten bekommt ein Baby die fremde Umgebung zum Beispiel über die Muttermilch mit. Wenn eine Mutter im Ausland ganz andere Gerichte isst als zu Hause, schmeckt auch ihre Milch anders. Das merken die kleinsten Säuglinge sofort. Ich habe das selbst bei meinen Kindern beobachtet: Wie sie nach einigen Schlucken inne hielten, nachschmeckten. Das war eine spannende Erfahrung. Wenn ein Baby dann auf seinen ersten Geburtstag zugeht, erwacht in ihm ein großes Interesse an der Welt. Kinder sind von Anfang an auf einer lustvollen Suche nach Erfahrungsbeute, aber die Erfahrungsschatzkiste wird nur dann gefüllt, wenn das Kind angeregt und unterstützt, also liebevoll begleitet wird.

Frage: Wie können Eltern dem Kind Hilfestellung bieten?

Haug-Schnabel: Stillen gleicht zum Beispiel unwahrscheinlich viel aus; das ist ein guter Schutz bei Auslandsreisen und wirklich sehr zu empfehlen. Tragen Sie Ihr Kind. Kinder, die am Körper ihrer Eltern getragen werden und von dort aus die Welt anschauen, sind sehr viel offener für neue Dinge. Lassen Sie dem Kind seinen Rhythmus, also die vertrauten Zeiten zum Essen, Spielen, Schlafen. Je mehr Sie am Anfang den Rhythmus Ihres Kindes beachten, umso eher passt es sich an den der Erwachsenen an. Und am allerwichtigsten ist: Gehen Sie die Reise mit Ruhe an. Häufige Ortswechsel stressen Babys fast weniger als die Eltern; deren Unruhe überträgt sich dann aber auf das Kind. Die ganze Familie braucht die Möglichkeit zum Rückzug; egal ob das ein eigenes Haus oder eine Wohnung oder das Wohnmobil ist.

Frage: Und wenn das Reisen doch anstrengend wird?

Haug-Schnabel: Dann seien Sie da. Bleiben Sie immer ansprechbar für Ihr Kind. Und zur Beruhigung: Ein bisschen Stress schadet Kindern nicht. Man kann ihnen hin und wieder auch mal etwas zumuten.

Nepomuks Erfahrungsschatzkiste haben wir in den letzten zwei Jahren gut gefüllt. Mit neun Monaten krabbelte er über den weichen Teppichboden der Blauen Moschee in Istanbul. In den Altstadtgassen von Damaskus lief er kurz darauf seine ersten Schritte an unseren Händen, in Iran brachte er die Frauen auf den Straßen vor Verzückung zum Kreischen. Auf Rügen jagte er Möwen, in Kanada Streifenhörnchen. In Italien spielte er Fußball auf der Dorfpiazza, in Dänemark warf er stundenlang Steine in die Ostsee. Zugegeben: Wir reisen anders als früher. Aber nicht weniger gerne. Und egal wo wir waren, Nepomuk wirkte immer so, als hätte er auch etwas von der Reise. Als könnten Reisen nicht nur etwas für Erwachsene, sondern tatsächlich auch für Kinder sein.