"Reisen mit kleinen Kindern bedeutet: Du verlegst einfach nur deinen Alltag in ein anderes Land", hatte mich eine Freundin vor unserer ersten Reise als Familie gewarnt. Erschreckend unexotisch klang das für mich als Neu-Mutter. Bei uns wird alles ganz anders sein, beschlossen mein Mann und ich. Erst recht natürlich: das Reisen.

Heute, gut zwei Jahre später, wissen wir es besser: Dass wir nämlich in Wahrheit fast alle Dinge fast genau so machen wie alle anderen Eltern auch. Dass Reisen mit Kindern jeden Alters bedeutet, einfach nur seinen Alltag in ein fremdes Land zu verlegen. Und vor allem: Dass genau das unglaublich exotisch ist.

Normale Touristen hetzen in zwei, drei Tagen durch eine Stadt und ackern sich dabei durch die Liste der Top-Sehenswürdigkeiten. Eltern bleiben länger. Eltern sind besser vorbereitet; wir haben lange vor dem Abflug schon Dutzende Adressen aus Reiseführern, von Freunden, aus dem Internet gesammelt – von deutschsprachigen Kinderärzten vor Ort, über Spielplätze bis hin zu Bio-Supermärkten.

Normale Touristen bilden lange Schlangen vor jahrhundertealten Kirchen, Moscheen, Synagogen; sie verbringen ihre kostbaren Urlaubstage in Katakomben und vor den Schaukästen der Museen. Eltern leben in der Gegenwart. Wir reden auf den Spielplätzen oder am Strand mit sehr jungen Griechen und deren Müttern und Vätern; um die alten Griechen von anno dazumal machen wir fürs Erste einen Bogen. Mit denen können wir uns wieder beschäftigen, wenn wir selbst in die Jahre gekommen sind. Wir treiben uns dort herum, wo das Leben – in Form unserer Kinder – tobt. Keiner darf so tief in andere Kulturen eintauchen wie wir Eltern.

"Kinder sind der Türöffner schlechthin", sagt auch die Entwicklungspsychologin und Kulturwissenschaftlerin Heidi Keller vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück. Zumindest dann, wenn man sich außerhalb der eigenen Landesgrenzen bewegt. Im Iran wurden wir von einem französischen Vater gefragt, der mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen durch das Land reist, ob Nepomuk auch schon Hornhaut im Gesicht habe – von all dem In-die-Wange-kneifen.

"Wer mit einem Kind in eine fremde Kultur geht, wird dort freundlicher und netter aufgenommen; der erfährt mehr, erlebt mehr", sagt Heidi Keller. Das bestätigen auch die Mitarbeiter ihres Institutes, die mit ihren Kindern auf Forschungsreisen gehen. "Die Kinder haben ihnen bei der Arbeit sogar geholfen. Als Eltern bekommen Sie nun einmal einen ganz anderen Zugang zum Alltagsleben der Menschen."

Wir werden in die Wohnzimmer der Menschen eingeladen, unterhalten uns mit ihnen in der Schlange vom Supermarkt, treffen sie auf dem Gemüsemarkt, vorm Spielzeugregal, auf dem Fußballplatz des Dorfes. Die einen nennen es Alltag, ich würde behaupten: Wir sind ganz dicht dran am Puls der Zeit. Wir kaufen Windeln statt Souvenirs und das macht uns zu den wahren Globetrottern, egal wie weit entfernt und wie fremd unser Reiseziel ist: Wir urlauben nicht nur in der Fremde. Wir leben dort.