In den Algonquin-Nationalpark im Osten Kanadas reist man, um genau drei Dinge zu tun: Kanu fahren. Abends am Lagerfeuer sitzen. Wandern.

Das Lagerfeuer war ein Selbstgänger; immerhin habe ich einen Sohn, der ganze fünf Feuerwehrautos zu seinem Fuhrpark zählt. Kanu fahren ging auch prima. Zumindest solange Nepomuk mit seinem Kinderpaddel auf Seerosen eindreschen, Enten aufscheuchen oder ein bisschen mitrudern konnte – also so ein, zwei Stunden. Wandern jedoch war ein Desaster.

Die erste Wanderung brachen wir nach 15 Schritten ab. Nepomuk bäumte sich in seiner Kraxe auf und hielt überhaupt nichts von unserer Idee, seinen Mittagsschlaf dort statt im Bett zu verbringen. Bei der zweiten Wanderung lief er immerhin 25 Schritte selbst. Die restliche Stunde Laufzeit thronte unser 16-Kilo-Kerl auf den Schultern meines Mannes. Vor der dritten Wanderung aßen wir als Stärkung zum Frühstück einen hohen Stapel dicker, kanadischer Pfannkuchen mit einer Extra-Portion Ahornsirup. Dann schnürten wir unsere Wanderschuhe und brachen auf.

Wir hatten an alles gedacht: Genug Essen und Trinken für unterwegs. Regenhose und Regenjacke für den Überraschungsschauer. Sonnenmütze, Pflaster, gute Schnürstiefel für Nepomuk. Die Strecke war gerade mal zwei Kilometer lang, völlig eben; sie lag fast durchgängig im Schatten des Waldes. Nepomuk war satt, ausgeschlafen, gut angezogen – Lust zu Wandern hatte er trotzdem keine.

"Ein ungünstiges Wanderalter", redete ich meinem Mann und mir selbst Geduld ein, "er ist ja erst zwei. Das gibt sich noch." "Ja", antwortete er, "so mit 25." Wir beobachteten die vorgeschobene Unterlippe unseres Sohnes. Keinen Millimeter bewegte die sich vom Fleck; seine Füße ebenso wenig. Mein Mann versuchte es mit einer Prise Strenge, ich mit der Mutter aller Bestechungen: einem Vanilleeis. "Nein", rief ich Nepomuk hinterher, der prompt kehrt machte und zurück Richtung Parkplatz lief, "erst nach dem Wandern."

Erst die Wölfe retteten unsere Wanderung. "Vielleicht treffen wir ja einen Elch im Wald", versuchte ich Nepomuks Laufrichtung zu ändern. "Oder einen Biber. Oder einen Schwarzbären. Oder ein Eichhörnchen. Oder Wölfe." Nepomuk drehte sich um. Wölfe, stand in seinen Augen, das ist jetzt endlich mal ein echtes Argument. Er fragte: "Wollen wir mal gucken?" "In Ordnung", sagte ich. Wir wanderten los.