Erster Tag: Auf See.
61 Grad nördlicher Breite - schwache Brise aus Südost – leicht bewegte See – minus fünf Grad Celsius

Kurz vor Mitternacht ist die MS Polarlys aus der alten Hansestadt Bergen ausgelaufen. Nun nimmt sie Kurs gen Norden, hinein in dieses Labyrinth aus Fjorden, Schären und Klippen, das sich Norwegen nennt.

Um neun Uhr morgens drehe ich eine Runde an Deck. Der Himmel prangt noch blauviolett, nur im Osten glimmt ein leuchtend orangeroter Streifen. Ein delikater Farbkontrast – das erste Foto. Die Reise lässt sich gut an.

Es geht zum Nordkap. Natürlich mit der Hurtigruten, dem täglichen Liniendienst entlang der tief eingekerbten Küste. Für die Einheimischen ein unabdingbarer Service, der noch die entlegensten Inselhäfen miteinander verbindet. Für die Touristen eine rund 5000 Kilometer lange Traumreise, hin und zurück in elf Tagen.

Zusammen mit einem Dutzend Foto-Amateuren nehme ich an Bord an einem Lehrgang der Leica-Akademie teil. Nicht von ungefähr trägt das Schiff den Namen Polarlys , was nicht etwa Nordlichter bezeichnet, sondern das spezifische, nur in hohen Breiten und kalten Höhen anzutreffende Licht. Und genau darum geht es auf dieser Fotoreise. "Der Norden hat zur Winterzeit ein sehr mystisches, spannendes Licht", erklärt Kursleiter Udo Zell beim ersten Treffen in der Bibliothek. "Mit diesem wenigen Licht zu tollen Bildern zu kommen, das ist unser Ansatzpunkt. Natürlich kann man auch in den Süden fahren, wo Schäfchenwolken und blauer Himmel herrschen. Aber das Spannende ist ja in der Fotografie, wirklich mit dem Licht zu zeichnen."

Und davon gibt es am Nachmittag reichlich, als das Schiff in Ålesund anlegt. Kräftiges Seitenlicht lässt den Bug erstrahlen, so dass sich wir uns kaum vom Kai losreißen können und unser Schiff aus immer neuen Blickwinkeln ablichten. Doch ein Bummel durch die über drei Inseln drapierte Stadt lohnt sich. Im Jahr 1904 zerstörte ein Inferno fast ganz Ålesund, das damals noch eine Stadt aus Holz war. Es wurde in Stein wieder aufgebaut und gilt heute als die am besten erhaltene Jugendstilstadt Europas.

Als erstes ausländisches Land schickte Deutschland damals Hilfe. Wilhelm II. sandte vier Schiffe mit Zelten, Bauholz und Proviant. Der Kaiser war Nordland-Enthusiast und kreuzte mit der Staatsjacht fast jedes Jahr durchs Reich der Fjorde. Wenn sich auch sonst nicht allzu viel Gutes über ihn sagen lässt – seiner Passion für den Norden kann man sich nur anschließen.