Im Gesicht anderer Frauen und Männer erkennt sie auf Anhieb, ob sie Eltern sind, hat eine ältere Freundin mir mal gesagt. Das war vor gut drei Jahren, als mein Mann und ich gerade überlegten, ob wir jetzt bereit sein könnten für ein Kind. Kinder sind ein großes Glück, sagte meine Freundin mir da. Aber auch eine gewaltige Anstrengung. Die Müdigkeit des ersten Babyjahres verschwindet nie wieder ganz aus Elterngesichtern.

Ganz so schlimm ist es nicht, finde ich. Zumindest für uns Mütter gibt es ja gute Concealer gegen Augenringe. Was Eltern aber tatsächlich nach diesem ersten Jahr nicht mehr zu verlieren scheinen, auch wenn ihr Kind danach noch so gut schläft, ist: die Angst vor der Müdigkeit. Es gibt Familien, die für Urlaubsflüge einige Hundert Euro mehr ausgeben, nur weil die besser zu den Schlafenszeiten ihrer Kinder passen. Niemandem ist eine Stunde Schlaf so wertvoll wie Eltern.

Es soll sogar Eltern geben, die aus Angst um ihren Schlaf manche Reisen gar nicht erst antreten. Beinahe hätten wir dazu gehört. Dabei sprach alles dafür, nach Kanada zu fliegen: Eine gute Freundin wollte dort heiraten. Die Flüge waren günstig, die Natur verlockend. Nur eines sprach dagegen: sechs Stunden Zeitverschiebung zwischen Hamburg und Toronto.

Man kann das Thema Zeitumstellung mit einer langen Vorbereitungszeit angehen. So empfiehlt es etwa Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Bezirksklinikum Regensburg. Er sagt: "Erwachsene brauchen etwa einen Tag Gewöhnungszeit pro übersprungene Zeitzone – Kindern geht es ähnlich. Verschieben Sie am besten schon zu Hause die Schlafzeiten Stück für Stück in die Richtung, in die es gehen soll."

Das klingt einleuchtend, ist im Korsett der Alltagszeiten von Kindergarten oder Schule, von Job und Verabredungen aber nicht die leichteste Übung. Wir mussten das radikaler machen. Eine Art cold turkey in Sachen Schlaf. Das sah so aus: Wir flogen vormittags los. Als wir in Toronto landeten, war es zumindest für unseren Sohn langsam an der Zeit, ins Bett zu gehen. In Kanada saßen die Menschen dagegen gerade beim Mittagessen.

"Stellen Sie am Zielort möglichst gleich auf die örtliche Zeit um", sagt Schlaf-Experte Zulley. Wir drehten an unseren Uhren. Und das bedeutete: Noch sieben Stunden, dann würden wir langsam darüber nachdenken dürfen, ins Bett zu gehen. Sieben Stunden sind lang, wenn man schlafen möchte und nicht schlafen darf. Wenn Kinder schlafen möchten und nicht schlafen dürfen, fühlen sich sieben Stunden in etwa so lange an wie eine Erdumrundung.

Wir starteten den Mietwagen und rollten los. Noch bevor wir die Parkgarage verlassen hatten, schlief Nepomuk seinen zweiten Mittagsschlaf an diesem Tag. Unser Kind ist nie leicht zu wecken; bei der Ankunft am Hotel mussten mein Mann und ich uns gemeinsam gegen seinen Nachtschlaf stemmen. Zulley empfiehlt: Tageslicht. "Tageslicht ist ein wichtiger biologischer Wecker." Wir wählten eine rabiatere Methode: Wasser. Den Rest des Nachmittags verbrachten wir im Swimmingpool des Hotels.