Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt, auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne "Das Ohr zur Welt", die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die vierte Folge.

Die Erde spricht. Eigentlich müsste man sogar sagen: Sie singt. Jeden Morgen, wenn die Sonne noch zwischen 6 und 12 Grad unter dem Horizont steht, liefert sie schon genug Licht, um Schatten zu bilden. Ein neuer Tag beginnt, alles Lebendige erwacht und erhebt seine Stimme – der Dämmerungschor – zu einem endlosen Lied, das kontinuierlich um diesen Planeten kreist. Der Klang dieses Lieds wird durch die Evolution bestimmt.

Sie können es in dieser Aufnahme hören: 24 Stunden lang Sonnenaufgang rund um die Erde, von Australiens Outback durch Asien, Afrika, Europa und quer durch Amerika. Nirgendwo erinnert diese planetarische Melodie mehr an eine Symphonie als im artenreichen Regenwald des Amazonas – einer Region, in der die Natur (bis vor Kurzem) verhältnismäßig ungestört den Anteil jedes einzelnen Lebewesens am großen Konzert festlegen konnte.

Dies ist der Dämmerungschor, wie ich ihn im Jahr 1990 im Dschungel 41 Kilometer entfernt von der Stadt Manaus erlebt habe. Meine Erwartungen waren entsprechend hoch, als ich vor ein paar Wochen mit meinem Sohn an den Amazonas zurückkehrte, um herauszufinden, wie die Erde – diese solarbetriebene Jukebox – mit zwei Jahrzehnten Erderwärmung klarkommt. Was ich dort erfuhr, war beunruhigend.

Gestrandete Boote und Hausboote im Becken des Rio Negro

Die schlimmste Trockenperiode seit 100 Jahren hat den Wasserpegel des Amazonas sinken lassen. Entlang des Ufers liegen große Boote, die deswegen gestrandet sind. Erderwärmung hin oder her – durch den Ökotourismus ist die brasilianische Stadt Manaus (Einwohner 2008: 1.709.010) zur Pforte des Amazonasbeckens geworden.

Hochgeschwindigkeitsboote haben die dieselbetriebenen Kähne der Kleinunternehmer abgelöst und machen schnellere, weitere Ausflüge auf dem Amazonas und seinen Nebenflüssen möglich. Öko-Lodges werden von lärmenden Generatoren mit Strom versorgt, die es einem bis auf ein paar wenige Stunden in der Nacht unmöglich machen, der Natur zuzuhören – egal, wie weit und in welche Richtung man geht.

Eine Statue am Weg

Nicht auf dem Fluss zu reisen bedeutet, dass man auf einer der neuen Schnellstraßen bleiben muss, die gerade gebaut werden. Der einzige positive Aspekt ist, dass die meisten Straßen mit dem feinkörnigen Sand der Gegend asphaltiert sind, der deutlich weniger Geräusche macht als der mit Kies gespickte Asphalt kühlerer Breitengrade. Letztlich macht es dann doch keinen Unterschied, weil der Verkehr so dicht ist und leider zu einer Menge Touristenfallen führt.