Wer wissen will, wie Dubai tickt, muss sich an die Hotelbars setzen, mit Typen wie Rashid reden. Rashid bestellt sich noch ein Bier, extrakalt vom Fass, und noch einen Tequila. Er sitzt in seiner Lieblingshotelbar im Westen der Stadt, fast jeden Abend verbringt er da. Quatscht ein paar Touristinnen an. Rashid trägt einen weißen Kaftan und eine weiße Baseballmütze, die mit dem Logo eines Poloturniers bestickt ist. Limitierte Auflage, sagt Rashid stolz und zeigt auf die Mütze. Und weil noch keine Touristinnen da sind, fragt er, was man denn in den vergangenen Tagen schon so alles gemacht habe.

Wüstensafari inklusive Kamelreiten. Durch die Altstadt flanieren. Das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt, das Burj al Arab, fotografieren. Vom mit 828 Metern höchsten Turm der Welt, dem Burj Chalifa, auf die weniger hohen Wolkenkratzer hinunterblicken. Die Insellandschaft The Palm besichtigen und sich vergewissern, dass in dieser Stadt am Rande der Wüste die Bushaltestellen tatsächlich klimatisiert sind – das hat man gemacht bislang. So so, sagt Rashid, dann lehnt er sich nach vorne, winkt ganz nahe an sich heran und sagt: "Ihr müsst in die Skihalle! Unbedingt!" Nun ja, entgegnen wir, wir sind mitten in den Alpen aufgewachsen, wir dachten… "Ihr müsst!", sagt Rashid noch einmal. Dann widmet er sich den zwei Holländerinnen, die mittlerweile auch an der Theke sitzen.

Es ist Winter in Dubai. Was nicht viel heißen mag. Das Thermometer zeigt immer noch 25 Grad Celsius an, das Wasser im Pool auf der Dachterrasse ist eine lauwarme Brühe. Skifahren also, im größten Indoor-Snowpark der Welt – so groß wie drei Fußballfelder.

Die Ski- und Wintersporthalle Dubai Ski liegt im Westen der Stadt, sie ist Teil der Mall of the Emirates, der größten Shopping-Mall außerhalb Nordamerikas. Wie ein silbernfarbener Wurm reckt sie sich aus dem wüstenbraunen Einkaufszentrum in die Höhe. Der Weg in die kalte Jahreszeit führt vorbei an einer H&M-Filiale, mit Sommermode in den Schaufenstern, vorbei an sprechenden Roboter-Eisbären und sprechenden Roboter-Pinguinen, noch einen Kaffee im Café St. Moritz, schon schlägt einem feuchtkalte Luft entgegen – da ist es: das Tor zur arabischen Winterwelt. Das Tor zu einer überdimensionalen Kühltruhe.

Am Eingang hängen Tausende Skijacken und Hosen, Skischuhe und Stöcke, Socken und Helme – Einheitskleidung in rot und blau. 1500 Skifahrer passen gleichzeitig in die Halle. Es riecht nach nassem Plastik. Der Sand der Wüstensafari kratzt in den Skischuhen, ein paar Schritte durch eine Drehtür, dann ist es Winter. Minus zwei Grad Celsius. Hoch mit dem Vierer-Sessellift, der schon leicht verrostet ist. Seit fünf Jahren steht die Halle. Neonlampen leuchten schrill von der himmelblauen Decke, die immer näher kommt, an der, nun ja, Bergstation ist der Plastikhimmel zum Greifen nah. Blick ins Tal. Abfahrt.

Ein paar Schwünge, halbe Minute, mehr ist nicht drin. Von draußen dringt das goldene Licht des Kaufhauses in die überdimensionale Schneekugel. Die Besucher des Einkaufszentrums drücken ihre Gesichter gegen die Glaswand, die den Shopping-Bereich von der Winterlandschaft trennt. Viele der einheimischen Mall-Besucher haben noch nie Schnee gesehen, sind noch nie auf Skiern gestanden. Manche von ihnen kaufen sich trotzdem ein Ticket, nur um einmal diese gekühlte Alpenatmosphäre genießen zu können, um einmal mit dem Sessellift rauf und runter zu fahren. Um zu ahnen, wie sich das wohl ungefähr anfühlen mag: Winter, Berge, Schnee.

Mr. El Hussein kommt aus Marokko. Seit ein paar Jahren arbeitet er als Skilehrer in der Halle. In den Bergen seiner Heimat habe er das Skifahren gelernt, erklärt er, nun bringe er es hier den einheimischen Kindern bei, damit diese beim Alpenurlaub mit den Eltern nicht von Null anfangen müssen. El Hussein erklärt, wie die Halle funktioniert. Er kennt die Eckdaten auswendig, immer wieder wird er danach gefragt, wie das funktioniert, Schnee in einer Halle, eine Skipiste inmitten eines Einkaufszentrums, umgeben von Wolkenkratzern, Meer und Wüstensand.