Die Bretterhütten im Zentrum, die knarzenden Planken der Bürgersteige, die handgemalten Ladenschilder, das alles beschwört noch die Pionierzeit herauf. Gerade mal hundert Jahre ist es her, dass Pelzhändler und Viehzüchter sich hier in Jackson Hole an der Ostflanke der Rocky Mountains niederließen. Doch längst hat sich das einstige Kuhkaff zu einem der Hot Spots auf der amerikanischen Reiselandkarte gewandelt, zum Garmisch der Rockies.

Halb Westernstadt, halb mondäner Wintersportort, schmückt, ja brüstet es sich mit allerhand Superlativen in Reichweite: dem ältesten Nationalpark (Yellowstone) und dem schönsten Bergpanorama Amerikas (Teton Range), einigen der längsten Skiabfahrten der Rockies, einem der weltweit wichtigsten Museen für Tier- und Landschaftsmalerei sowie einem der luxuriösesten Hotels des Kontinents, dem Amangani.

Der Westen – in Amerika bedeutet er weit mehr als eine Himmelsrichtung, nämlich einen heroischen Mythos. Eine Fahrt durch diese erhabenen Gefilde gerät immer auch zur Fantasiereise: Wir nehmen Teil an der großen, unverwüstlichen Erzählung von Freiheit, Wagnis und Verheißung. Zugleich steht der Westen für eine ganze Industrie. Jackson Hole bietet ein Paradebeispiel für die erfolgreiche Vermarktung dieses Mythos. Das firmiert hier oft unter "neuer alter Westen" und tobt sich in kapitalen Bronzeadlern, gasgespeisten Kaminfeuern und krachlederner Cowboy-Couture aus. Das einzig Wilde an dieser Art von Westen sind die horrenden Immobilienpreise. Weshalb die Mehrzahl der hiesigen Angestellten drüben in Driggs wohnt. Das bedeutet zwar eine Dreiviertelstunde Anfahrt über Amerikas steilsten auch im Winter geöffneten Pass, dafür liegen die Grundstückspreise dort aber auch nur halb so hoch.

Gleichwohl leben etwa 15.000 Einwohner verstreut über das von mächtigen Bergen umzingelte Hochtal, das Hole eben. Zwei Drittel davon im Städtchen selbst, das meist nur als Jackson tituliert wird. So zünftig, griffig und ein klein wenig vulgär, wie der Name klingt, so präsentiert es sich auch. Der rechteckige Hauptplatz wird von vier Torbögen aus Hunderten von Wapiti-Geweihen beherrscht. In der Mitte dieses kleinen Parks, der vor Lichterketten nur so strotzt, ragt ein Cowboy-Denkmal auf, und an der Schmalseite ködert die Million Dollar Cowboy Bar die Nachtschwärmer mit kunterbunten Neonleuchten. In Wahrheit täte man sich schwer, im ganzen Tal noch einen echten Cowboy aufzutreiben – das Hüten von Touristenherden hat sich als weit einträglicher erwiesen.

Winter is the real thing : Die Verbindung von hohen Gebirgszügen und weiten, von eiszeitlichen Gletschern ausgeschabten Tälern machen den Ort zu einem Dorado für den alpinen Skisport wie fürs Langlaufen. Das trockene Klima beschert reichlich Sonnentage, und dank der häufigen Inversionslagen ist es auf den Bergen oft sogar wärmer als im Tal, mit spektakulärer Fernsicht. Jackson Hole bringt das Kunststück fertig, sich einerseits als "Teil des größten noch weitgehend unberührten Ökosystems der gemäßigten Zonen" zu präsentieren und im gleichen Atemzug seine beiden großen Skigebiete, Grand Targhee und das Jackson Hole Mountain Resort, als das ultimative Wintererlebnis der Rockies zu rühmen. Wahr ist, dass sowohl Naturliebhaber wie Ski-Enthusiasten, Einsamkeitssucher wie Spaßtouristen hier auf ihre Kosten kommen. Und dass sie einander kaum begegnen werden, da jede Gruppe ihre Reviere hat.