Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt, auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne"Das Ohr zur Welt", die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die siebte Folge.

Ein unvermittelter Stoß und das Aufbrausen der Triebwerke der Boeing 737 wecken mich. Ich bin in Kona gelandet, knappe fünfeinhalb Stunden nach dem Start in Seattle. Nicht genug Zeit, um richtig zu schlafen.

Ich nehme meine Ohrstöpsel heraus, steige die Treppe des Alaska Air Flugs 865 hinunter und all meine Sinne werden wach.

Alles ist klarer, heller. Selbst die Farben der Blumen scheinen kräftiger zu sein. Ihr Duft hängt länger in der Luft – es ist, als könnte ich die Luft schmecken. Ich kann es kaum abwarten, meine Füße wieder in den von Wellen überspülten Sand zu stecken. Auszuspannen.

Ein Gecko lugt hinter einer Wand hervor, um mir Hallo zu sagen. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht direkt zum Strand zu fahren, sondern erstmal an der Praxis von Tyrone Humphries zu halten. Die Praxis liegt hinter dem anstrengend lauten Kuakini Highway. Humphries öffnet die Tür und sieht mich fragend an. "Was kann ich für Sie tun?" Er ist zugelassener Akupunkteur. Ich habe keinen Termin. Ich verziehe das Gesicht und deute auf meinen Kopf: "Sie müssen mich neu stimmen. Ich bin gerade aus dem Flieger gestiegen." Humphries nickt. Er versteht das.

Im menschlichen Ohr gibt es eine Vielzahl von Muskeln und Knochen, die so klein sind, dass sie zusammen gerade so viel Platz brauchen, wie eine Bohne. Wenn wir uns gestresst fühlen, ziehen sich diese winzigen Muskeln zusammen. Nicht mal ein wirklich aufmerksamer Mensch ist dann noch fähig, richtig zuzuhören.

Der Akupunkteur führt mich in ein abgedunkeltes Zimmer und bedeutet mir, mich in einen tiefen Sessel zu setzen. Dann beginnt er schweigend mit der Untersuchung. Das einzige Geräusch in seinem Sanktuar des Heilens ist der künstlich erzeugte Klang des Meeresrauschens aus einem Apparat.

Gewissenhaft und mit Nachdruck setzt er mir die ersten drei Akupunkturnadeln am Ohr. "Diese nennt man Shen Men , oder friedlicher Geist." Dann führt er mich zu einer Massageliege. Er rüttelt mich durch, behandelt mich mit Akupressur und wischt dann die Stellen ab, an denen er weitere Nadeln zu setzen gedenkt: zwischen den Zehen, am unteren Bein, den Handrücken, am Scheitel und – vielleicht ahnen Sie es schon – genau zwischen den Augen. Er sagt: "Die ist hervorragend gegen Stress." Als ich nach einer Stunde seine Praxis verlasse, ist der rauschende Verkehr des Kuakini Highways zwar immer noch zu hören, aber nervt mich nicht mehr so. Irritiert höre ich genauer hin. Nein. Nervt nicht.

Die Straße führt den Berg hinunter Richtung Meer. Am Strand empfängt mich eines meiner absoluten Lieblingsgeräusche: Kinder, die im Sand spielen. Ich stehe auf dem Pier. Der Mann neben mir beobachtet seinen kleinen Jungen, der in den Wellen herum tobt – scheinbar zum ersten Mal. "Das ist so viel toller als ein Swimmingpool!" ruft er. Ich sehe den Mann an: "Für so einen Satz lohnen sich doch die Kosten für den ganzen Urlaub." Er schenkt mir nur ein dünnes Lächeln.

Meeresschildkröten ruhen auf dem Sand. Sie erinnern mich an meinen etwas überstürzten Einfall, mir ein paar Blocks von hier eine Schildkröte auf meinen rechten Fuß tätowieren zu lassen. Die ist mittlerweile zwei Jahre alt.

Bootsausflüge mit Walbeobachtung sind auf Hawaii zu einem Millionengeschäft geworden. Die Saison dauert von Dezember bis März. Der Höhepunkt ist Mitte Februar. Nur wenige der Touristen haben den Walen, die sie beobachten, auch einmal zugehört. Eigentlich traurig. Wenn man sie nur beobachtet, hat man nur hier und da etwas von ihnen – je nach dem, wann sie auftauchen. Hören kann man ihren Gesang aber fast die ganze Zeit. Und man hört sie lange, bevor man sie sehen kann.