Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne "Das Ohr zur Welt" , die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die elfte Folge.

"Vor und zurück – mehr ist doch nicht dahinter, oder?" Diese Frage könnte von jemandem stammen, der keine Ahnung von Violinen hat. Die Ohren können jedoch eine Unmenge an Details wahrnehmen, die für das Auge verbogen bleiben.

Ein geschulter Zuhörer kann am Klang der Violine, die 2008 bei Sotheby’s für 3,9 Millionen US-Dollar versteigert wurde, erkennen, dass diese aus der Werkstatt des Geigenbauers Giuseppe Guarneri del Gesù stammt. Und es gibt Menschen, die ohne Probleme den Klang einer BNSF Dash 9 Diesel-Lokomotive von einer GP 38 unterscheiden können – oder eine Black 5 Dampflok von einer Flying Scotsman. Die Konzertsäle, in denen diese Aufführungen stattfinden, sind gleichermaßen bedeutend.

Ich habe schon viele lange und glückliche Stunden in einer sternenklaren Nacht außerhalb von Essex, Montana, verbracht und darauf gewartet, dass die nächste Diesellokomotive im Tal ihren Auftritt hat. Das erste Anzeichen ist ein galoppierender Herzschlag – nur die lautesten Echos der Lokomotive überschreiten die Schwelle des Hörbaren. Noch sind sie 30 Kilometer oder weiter entfernt und es dauert noch fast eine Stunde, bis das gesamte Konzert der komplexen Rhythmen der stählernen Räder vorbei ist. Wir können uns hier einen 13-minütiger Ausschnitt daraus anhören.

Ich habe schon auf drei Kontinenten den Zügen zugehört – mit derselben Leidenschaft, die ich sonst für das genaue Gegenteil empfinde: für die Stille der Natur, für die völlige Abwesenheit aller von Menschen gemachten Geräusche. Die berühmtesten Zuggeräusche sind die von Dampflokomotiven.

Aber seien Sie vorsichtig! Wenn man zu nahe dran geht, können die lauten Geräusche das eigene Gehört für immer schädigen. Beim Zuhören geht es um den richtigen Standort – treten wir also einen Schritt zurück und lassen den Klang durch die einzigartige Akustik des Ortes versüßen. Sie werden auch feststellen, dass der Klang von Lokomotiven aus unmittelbarer Nähe aufgenommen, keine Seele hat.

Klang muss atmen können, egal, ob er aus einer Violine oder den quietschenden Rädern eines Zuges stammt. Aber dieser Platz zum Atmen ist nicht immer vorhanden, denn oft ist unsere Umwelt von Lärm verschmutzt. Hören Sie sich diese Komposition des Klangkünstlers Matthew Lee Johnston aus Seattle an. Sie heißt Expanded Steel und spielt sich in einem künstlichen Raum ab, den Johnston mithilfe seines Computers kreiert hat.

Wenn unsere Vorfahren etwas hörten, sahen sie normalerweise in diese Richtung, näherten sich vorsichtig, rochen daran, fassten es an und steckten es am Ende in ihren Mund – vorausgesetzt, alles lief gut. Es gibt eine natürliche Hierarchie der Sinne und im Tierreich kommt Hören vor Sehen. Jedes Tier hat die Fähigkeit zu hören, aber nicht alle Spezies können sehen.

Wir haben uns angewöhnt, etwas lauter zu drehen, wenn wir etwas nicht genau hören können. Oder wir gehen näher ran. Aber dadurch hören wir oft gar nicht besser. Wir sollten den Ton statt dessen leiser drehen, ein paar Schritte zurückweichen. Wie weit? Gute Frage. Dezibel (dB) messen den Schalldruckpegel (das heißt die Menge an Energie in einer Schallwelle). Mit jeder Verdopplung der Entfernung sinkt der Schalldruck um 6 Dezibel.