Die Familie war gerade erst aus der Kleinstadt Radzymin nach Warschau gezogen. Nun stand der sechsjährige Isaac B. Singer auf dem Balkon und war fasziniert vom quirligen Treiben, das er dort unten auf der Krochmalna sah. "In den Läden drängten sich Käufer. Männer, auf dem Weg zum Gottesdienst, trugen ihre Gebetsmäntel in Taschen unter dem Arm.

Straßenhändler verkauften Brotlaibe, Brötchen und Bejgel, geräucherten Hering, warme Erbsen und braune Bohnen, Äpfel, Birnen und Pflaumen. Ein Junge trieb mitten auf der Straße eine Schar Puten vor sich her." 1908 war das - und Singer hat es später aufgeschrieben in seinem berührenden Buch "Eine Kindheit in Warschau".

Die Krochmalna gibt es noch, aber es ist sinnlos, eine Spurensuche zu beginnen. Denn die Straße lag im Jüdischen Viertel und wurde 1940 eingemauert zum Ghetto. Drei Jahre später legten es die Nazis in Schutt und Asche - ihre Antwort auf den Ghetto-Aufstand. Beim Wiederaufbau des Viertels nach dem Krieg büßte die Krochmalna zwei Drittel ihrer einstigen Länge ein. Schlimmer ist: Die Straße hat keine Seele mehr.

Gesichtslose Wohnblocks und Parkplätze säumen sie nun, ein Supermarkt, eine Wäscherei, eine Tankstelle. Kein Tourist verirrt sich hierher.
Besucher der Stadt halten sich eher an der südlichen Grenze des einstigen Ghettos auf. Denn hier wuchs in den fünfziger Jahren der Palast der Kultur und Wissenschaft empor. Der 231 Meter hohe Koloss war offiziell "ein Geschenk des sowjetischen Volkes an das polnische Volk".

Eine ungeliebte Gabe. Denn die Warschauer konnten und können nicht vergessen, dass die Rote Armee tatenlos zugesehen hat, als die Deutschen ihre Stadt zerstörten. Am 1. August 1944 war es zum Warschauer Aufstand gekommen. Danach kämpften die Polen 63 Tage lang gegen die deutsche Übermacht, bis sie untergingen. "Damals standen die sowjetischen Soldaten ja schon am östlichen Ufer der Weichsel", erzählt Stadtführerin Iwona Jaworska. "Sie hätten helfen können - und taten es nicht."

Noch immer ist der Palast im Zuckerbäckerstil das höchste Gebäude der Stadt, doch immer enger wird er nun umkreist von modernen Wolkenkratzern. Die Warschauer finden das in Ordnung. "Wir können den Palast nicht abreißen, aber er soll wenigstens nicht mehr so zur Geltung kommen", sagt Iwona Jaworska. Dabei ist er ein Faszinosum. Mehr als die Höhe verblüfft seine gigantische Fläche.

Will man ihn umrunden, ist man wohl eine halbe Stunde unterwegs. Über 3000 Räume und Säle beherbergt er, Büros, Kinos, drei Theater, Museen, Bibliotheken, ein Schwimmbad. 33 Fahrstühle bringen Besucher ans Ziel. Auch bis zur Aussichtsterrasse in den 30. Stock. Und weil Touristen das Bauwerk so bestaunen, haben die Warschauer doch ein bisschen Frieden mit ihm geschlossen. Abends zumindest, denn dann darf er in sattem Lila leuchten.

Unten, auf der Allee Jerozolimskie, fahren weinrote Straßenbahnen im Dreiminutentakt. Drei, vier Stationen, schon ist man an einem anderen Wahrzeichen: einer Palme aus Plastik. Sie ragt auf am Platz Charles de Gaulle, der im Grunde nur eine große, runde Verkehrsinsel ist. "Die Palme hat uns 2002 eine israelische Künstlerin geschenkt", sagt Iwona Jaworska. Insgeheim denkt man, dass die Warschauer mit ihren Geschenken nicht gerade viel Glück haben. Aber das ist Ansichtssache. "Die jungen Leute hier mögen diese Kunst, und seit die Palme da ist, verabreden sie sich dort", sagt die Stadtführerin fröhlich. Zum Bummeln, zum Shoppen, zum Kaffeetrinken in der Nowy Swiat zum Beispiel.

Das ist die eleganteste Meile der Stadt. Viele westliche Labels zeigen hier Flagge, polnische Waren sind selten. Nur die zahlreichen Blumenhändler vermitteln ein wenig Authentizität. Immerhin gibt es noch das Café Blikle, eine Institution seit 1869. Die Schokoladentorte "Generalski" ist ein Gedicht, der Kaffee tadellos und die Kellner, schwarze Hosen, schwarze Westen, weiße Hemden und rote Fliege, servieren höflich und elegant. Leider wurde neu möbliert.

Auch in die Seitenstraßen sind neue Läden gezogen. Aber in der Chmielna werden, wie vor über 120 Jahren, noch Schuhe nach Maß gefertigt. "Vor dem Krieg war der Laden größer, da hatten wir acht, neun Schaufenster drüben in der Nummer 3", sagt Monika Kielmann. Jetzt ist das Geschäft gegenüber, in der Nummer 6. Nach der Zerstörung 1944 hatte man wenige Werkzeuge bergen können - und immerhin die Leisten von Stiefeln, die sich Charles de Gaulles 1921 hatte machen lassen.

Der Laden heißt noch immer nach dem Firmengründer Jan Kielmann, geführt werde er nun vom Urenkel Maciej Kielmann, erzählt dessen Ehefrau Monika. Nach wie vor werde vor allem feinstes Kalbsleder verarbeitet und noch immer werden Modelle aus den 20er und 30er Jahren bestellt. "Klassiker haben keine Mode", sagt die Expertin.