Im Zug von Edmonton nach Jasper. Von der Großstadt am Westrand der Prärie in ein verschlafenes Städtchen mit viertausend Einwohnern, einer einzigen Ampel und einem Hauch von Wildem Westen. Sechs Stunden dauert die Fahrt; für Kanada keine sonderlich lange Strecke. Doch landschaftlich eine der schönsten, besonders, wenn man sie vom Panoramawaggon des Canadian aus genießen kann. Draußen verstreute Farmen im Winterschlaf, schüttere Wälder, schließlich das wilde Tal des Athabasca-Flusses, an den Ufern eisbedeckt, in der Mitte silbrig glitzernd.

Und endlich das Spalier der strahlend weißen Rocky Mountains. Jasper liegt nicht etwa am Rande des gleichnamigen Nationalparks, sondern mittendrin. Wie auch etliche Hotelanlagen, Skigebiete, Hunderte von Loipenkilometern und Trassen für Hundeschlittenfahrten. Zusammen mit dem benachbarten Banff-Nationalpark zählt er zu den meistbesuchten Naturwundern Nordamerikas. Doch lassen sich Massentourismus und Naturschutz, Wintersport und Wildnis überhaupt in Einklang bringen?

Am wenigsten problematisch scheint dies beim Langlauf zu sein. Auch wenn zahllose Loipen den Park durchziehen: Sie verlieren sich in dieser gewaltigen Bergwelt. Wer hier das Hausrecht hat, das machen die vielen Tierspuren in den Loipen deutlich. Schon bei einer kleinen Schleife durchs Tal des Athabasca-Flusses kreuzen Langläufer meist die Trittsiegel von Wölfen, und manchmal hören sie auch ihr Geheul. Auch die Spuren von Karibuherden, Wapitihirschen und Koyoten sind ein vertrauter Anblick. Nur Bärenfährten wird man vergeblich suchen, denn die halten Winterschlaf.

Ähnlich sieht die Bilanz im Skizirkus von Marmot Basin aus, hoch über Jasper. Während die Manager anderer Skigebiete gewöhnlich mit der Zahl ihrer Seilbahnen und Schneekanonen angeben, lässt Brian Rodes’ Katalog eher an die Arche Noah denken: "Mit etwas Glück können unsere Gäste vom Lift aus einem Wolfsrudel beim Überqueren der Hänge zusehen. Sie können Elchen, Bergschafen und Luchsen begegnen. Und selbst im Stadtgebiet von Jasper jeden Tag Wildtiere sichten."

Skifahrer sind sonst nicht unbedingt Naturfreunde, sie wollen vor allem ihren Spaß. Doch angesichts des berauschenden Panoramas bleiben fast alle oben an der Rampe des Sesselliftes wie angewurzelt stehen. Ein Rundblick wie vor zehntausend Jahren: auf eine scheinbar unberührte Bergwelt, mit weiten Wäldern, Wildflüssen und gefrorenen Seen.

Mit neun Liftanlagen und achtzig Pisten besitzt Marmot Basin allenfalls mittlere Größe, und weiter wachsen darf es nicht. Doch was dem Skigebiet durch Umweltauflagen entgeht, kommt durch die Popularität des Parks wieder herein. Umgekehrt bringen 225.000 Skifahrer jedes Jahr dem Park beträchtliche Einnahmen. Und so besteht hier Konsens darüber, dass ein Schutzgebiet von beinah der Größe Tirols durchaus ein Tausendstel seiner Fläche an einen Skizirkus verpachten kann.

Die Mehrzahl der Parkbesucher bleibt ohnehin im Auto, konsumiert die Landschaft im Vorüberfahren und gibt sich dem vollklimatisierten American Way of Life hin. Für die Natur vermutlich die schonendste Variante menschlichen Eindringens. Der Verkehr beschränkt sich weitgehend auf den gut zweihundert Kilometer langen Panorama-Highway, der den Jasper- mit dem Banff-Nationalpark verbindet – eine der Traumstraßen Nordamerikas. Ein Defilee der Giganten, denn ein Bergriese reiht sich an den nächsten. Es kulminiert im 3700 Meter hohen Columbia, dessen riesiges Gletscherfeld in der Sonne gleißt. Und doch stellt diese monumentale Eiswelt nur den Rest vergangener Größe dar, wie die Markierungen am Weg zur Gletscherzunge zeigen. Dort, wo vor achtzig Jahren noch meterdickes Eis ruhte, steht heute eine Picknickbank. Als zöge der alte König Gletscher sich immer weiter vom Rummel am Parkplatz zurück.

Die Eismassen haben die Konturen des Felsengebirges geformt, haben breite Trogtäler ausgeschabt und langgezogene Seen. So auch den berühmten Lake Louise im Banff-Nationalpark, den Königssee der Rockys. Der Lake Louise ist ein beliebtes Ziel für Hochzeitsfeiern, Betriebsausflüge und schicken Wintersport.