Seit Schweizer Berg- und Skiführer die kanadischen Rockys vor hundert Jahren erschlossen haben, wäre der Tourismus hier ohne ausländische Fachkräfte undenkbar. Sie arbeiten als Skilehrer und Fremdenführer, in der Hotellerie und Gastronomie. So auch im Railway Deli in Canmore, wo Roland Griesser alpine Schmankerl auftischt: Leberknödel, Weißwürste, Maultaschen, Wildgulasch. Nach fünfzehn Jahren in Kanada weiß der Tiroler die Großzügigkeit der Neuen Welt zu schätzen: "Von die Berge her isch‘ gleich. Aber wenn du von München nach Innsbruck fahrscht auf dem Highway, also des isch scho Stress. Hier fahrscht du deine 110, hascht deine Cruise control drin, bischt ganz relaxed."

Nicht von ungefähr liegt sein Lokal an der Bahnstation. Im Herzen einer Gebirgslandschaft von einschüchternder Hoheit, von triumphaler Weite – und lange Zeit auch von erhabener Leere. Dann aber machte der Eisenbahnzar Cornelius van Horne sich ans Werk: "Wenn wir die Landschaft nicht fortschaffen können, dann müssen wir die Touristen eben hinschaffen." Die Bahn hat Kanada eigentlich erst hervorgebracht, hat diesen King-Size-Kontinent geknackt und die Nation geeint.

Um ihre Naturwunder gebührend zu feiern – und um die transkontinentale Strecke gebührend auszulasten – entstanden entlang der Canadian Pacific Rail wuchtige Grand Hotels. Stilistisch eine unbekümmerte Mischung aus Loire-Schloss, schottischer Trutzburg und Schweizer Zauberbergpalast. Als "kanadische Alpen" und als "Krone des Kontinents" wurden die Rockys hier ein zweites Mal erfunden. Die Berghotels wurden an den malerischsten Stellen platziert, die Ludwig II. nicht besser hätte wählen können: in Jasper, in Lake Louise und in Banff Springs. Von all diesen Prachtbauten ist der von Banff Springs womöglich der fantastischste. Kein Hotel mehr, eher ein bewohnbares Weltwunder.

Ganze 1500 Meter hoch gelegen, erstreckt sich das Backsteinschloß wie ein Sperriegel oberhalb des Städtchens. Von fast jedem der achthundert Zimmer hat man einen exquisiten Blick auf das Gebirgspanorama: " The Million Dollar View ". Die Einrichtung stammt aus allen Winkeln der Welt – nur nicht aus der damals noch unerschlossenen Umgebung. Die riesigen Panoramafenster wurden in Böhmen gefertigt, die wuchtigen Tische kamen von der Universität in Oxford, das Chorgestühl aus einem Schweizer Kloster, die massigen Balken aus Michigan.

Wenn die Gipfel im letzten Licht des Tages schimmern und der Dampf der heißen Quellen durchs verschneite Tal zieht, erklingen in der Bar die Songs von Joni Mitchell. Die kanadische Folk-Ikone wuchs unweit von hier auf. Wie das Kaminfeuer und die Kronleuchter erwärmen ihre Lieder jeden Winterabend die Herzen der Gäste, vorgetragen durch die Chansonnière des Hotels.

In dieser Hochburg der Behaglichkeit kulminiert die Tourismusgeschichte der Rockys, so wie die Gipfelkette in Columbia kulminiert. Schwer zu sagen, wer mehr zum Mythos des Felsengebirges beiträgt, die grandiose Natur oder die glamourösen Hotels. Als dritte Attraktion im Bunde gehört die Eisenbahn zu diesem romantischen Gesamtkunstwerk. Sie hat nun schon Generationen von Besuchern in dieses Königreich der Wildnis eingeführt. So geht es denn schließlich mit dem Rocky Mountaineer zurück gen Osten, diesmal in die zweite Prärie-Metropole, nach Calgary. Zwei Stunden dauert die Fahrt. Sie führt noch einmal durch eine menschenleere, erhaben hingebreitete Natur in Konfektionsgröße XXL.