Immer, wenn die Glocken zu läuten begannen, war der Platz für fünf Minuten wie verzaubert. Viele Leute blieben stehen, manche schlossen sogar ihre Augen. Die idyllische Szenerie spielte sich allerdings in keinem Bergdorf ab, sondern mitten am Leicester Square, dem ruhelosesten und lautesten Platz im Londoner West End.

Das Schweizer Glockenspiel nebst einem Holzbaum mit den Wappen der 26 Kantone war die große Touristenattraktion des Platzes. Dreimal täglich spielten 27 Glocken Schweizer Volksmelodien, englische Märsche, Elvis oder auch die Beatles, dazu gab es einen Appenzeller Aufzug von 23 holzgeschnitzten Figuren. Angebracht war die hochtechnisierte Konstruktion, die der City of Westminster 1985 von der Schweiz geschenkt wurde, am legendären Swiss Centre.

Der Nachtclub des Hotels.

Das 1965 eröffnete Gebäude galt als eine perfekte Visitenkarte der Schweiz im Herzen Londons. Mit seinen Glas- und Stahlkurven inmitten der viktorianischen Steinbauten vermittelte es Leichtigkeit und Innovation. Jährlich gingen hier mehr Touristen vorbei, als Nordamerika Einwohner hat. Auf den Etagen gab es Schuhe von Bally, Uhren, Käse und Schokolade, hier saßen Mövenpick und Swissair.

Zeiten waren das, in denen zwei Bondgirls zur Premiere des in der Schweiz spielenden Films Im Geheimdienst ihrer Majestät 1969 auf dem Dach des Swiss Centre die 007-Fahne hissten. Die eigentliche Sensation aber war, dass der Platz, damals noch New Coventry Street, durch den Lord Mayor in den Swiss Court umbenannt wurde. Andere Länder platzten damals fast vor Neid.

Heute lassen sich Touristen zwar noch unter dem Baum mit den Wappen der Kantone fotografieren. Doch vom alten Glanz der schweizerischen Sechziger ist nicht mehr viel geblieben. Das zunehmend schlecht laufende Center wurde 1998 vom Schweizerische Bankverein und der Swissair zu einem Schnäppchenpreis an ein Immobilienunternehmen verkauft und schließlich abgerissen. Das Glockenspiel wurde entfernt, soll aber vielleicht bald wieder aufgebaut werden.

Diesen Februar dann kam es schließlich zum endgültigen "Landeswechsel", als das amerikanische Hotelunternehmen Starwood an der legendären Stelle einen vollverglasten, schicken 192-Zimmer-Komplex eröffnete.

Hier wird die Flagge auf dem Dach des Swiss Center gehisst. Nicht "Im Auftrag ihrer Majestät", sondern der Filmstudios.

Der Luxusbunker W, in optimaler Lage am Eingang zu Londons Kinomeile, passt mit seiner wenig subtilen Formensprache perfekt zum jungen, den Trends nacheifernden Publikum und der permanent überdrehten Stimmung der ganzen Gegend. Wirkte das Swiss Centre irgendwann eher wie ein alternder, reicher Onkel, der teure Schokolade in der Tasche hat, ist das neue W mit Übernachtungspreisen ab rund 300 Euro der ältere Bruder, der am Wochenende durch die schicksten Clubs der Stadt zieht.