Manchmal beschwert sich ein Gast: Da hat er sich das umweltfreundlichste Hotel der Welt ausgesucht – und steht in einem normalen Vier-Sterne-Zimmer. Schön eingerichtet, das schon: dunkelrote Überdecken auf dem Bett, farblich abgestimmte Sessel im Eck, etwas Stuck an der Decke und der Blick geht hinaus auf den Freiburger Colombi-Park. Aber öko?

Ist Astrid Späth in der Nähe, wird der Gast sein Zimmer bald mit anderen Augen sehen: Die Chefin des Best Western Premier Hotel Victoria präsentiert die ökologischen Spezialitäten ihres Hauses mit ansteckender Begeisterung. Immerhin arbeiten sie und ihr Mann seit über 25 Jahren daran.

Späth zeigt die Bettwäsche aus zertifizierter Bio-Baumwolle: "Die hat man schließlich auf der bloßen Haut!" Sie knipst ein LED-Leselämpchen an: "Die verbrauchen nur zwei Watt!" Auch der Flachbildschirm an der Wand ist ein Energiesparmodell, und der Seifenspender im Bad spendet Naturkosmetik. Nur für die Handtücher hat die 50-jährige gelernte Gartenbauingenieurin noch keinen Öko-Anbieter gefunden, bei dem alles stimmt: Material, Qualität – und der Preis, Hotel-Handtücher sind auch bei umweltbewussten Gästen beliebte Mitnahmeartikel.

Öko bedeutet für Astrid Späth "mehr Luxus, nicht weniger". Verzicht, sagt sie, wäre für ein Hotel ja auch "ein eher schwieriges Konzept". Die regionalen Produkte ihres Frühstücksbuffets schmeckten besser als Massenware und ein Bett aus Massivholz sei nun mal hochwertiger als "irgendein Pressspanzeug".

Die Verbindung aus ökologischem Denken und Qualitätsbewusstsein zielt nicht nur auf gutes Gewissen, sondern auch auf gutes Leben. Sie prägt inzwischen gerade gutbürgerliche Kreise im Südwesten Deutschlands – und erst recht im grünen Freiburg. Das Milieu also, in dem die Grünen bei der Landtagswahl Ende März ihre größten Erfolge erzielten.

Im Jahr 1985 sah das noch anders aus: Als Bertram Späth das Hotel Victoria in der Eisenbahnstraße von seinen Eltern übernahm, war Helmut Kohl seit drei Jahren Bundeskanzler und die ersten Grünen strickten auf den Bonner Bänken des Bundestags Wollpullover. Späth war 27 Jahre alt, seine Frau 24. Als sie nach umweltschonenden Waschmitteln für die Hotelwäsche suchten, prognostizierten ihnen die Hersteller, davon gingen die Maschinen kaputt.

"Wir haben nicht darüber geredet, was wir machen. Es hätte nicht zu einem Vier-Sterne-Hotel gepasst", sagt Bertram Späth. Aber sie stellten das Frühstücksbuffet auf frische Produkte um, schafften die vielen kleinen Fertigpackungen ab und reduzierten den Abfall auf ein Drittel. Weil die Stadt Freiburg gleichzeitig die Müllgebühren erhöhte, sparten sie auch noch Geld.

Freiburg war damals noch keine selbst ernannte "Green City", sondern empfahl sich als "Stadt des Waldes, der Gotik und des Weines". Und doch waren es auch spezifisch südbadische Erfahrungen, die die Lebens- und Arbeitseinstellung der Späths prägten.

Ende der siebziger Jahre hatten beide gegen das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl am Kaiserstuhl demonstriert. Sie erlebten, wie sich Winzer und Studenten gemeinsam für die Umwelt einsetzten. Damals begann Bertram Späth auch, sich für erneuerbare Energien zu interessieren: "Wenn man sagt, wir sind gegen Atomkraft, muss man sich überlegen: Für was sind wir stattdessen?"

Das Hotel Victoria stammt aus dem Jahr 1875. Stolz präsentiert es sich auch heute noch mit Gründerzeitfassade, Vordach und schmiedeeisernem Balkongeländer. Daran hängt ein gelb-rotes "Atomkraft? Nein Danke"-Fähnchen. Das schlichte Rückgebäude wurde 1980 angebaut. Das Victoria hat 50 Doppelzimmer, 14 Einzelzimmer, zwei Suiten und zwei Bars. Und es wird vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben.