Joachim Poeschke über die Villa Giulia

Italien ist reich an Sehenswürdigkeiten, auch an solchen, die nicht zur Geduld in langen Warteschlangen nötigen. In Rom gehört zu den stilleren Attraktionen, die (auf mich seit jeher) eine besondere Anziehungskraft ausüben, die Villa Giulia. Allein schon als Bauwerk ist die für Papst Julius III. um die Mitte des 16. Jahrhunderts unweit der Porta Flaminia errichtete Villa eine Augenweide. Ein lichter Innenhof, geschmückt mit Gewölbemalereien und Stuckdekorationen, ein schattiges Nymphäum, umstellt von Marmorstatuen, und Gartenareale, bepflanzt mit Lorbeerbäumen und Buchsbaumhecken, zwischen denen kleine Brunnen leise plätschern, laden zum genießenden Verweilen ein. Man befindet sich in einer der schönsten Renaissancevillen Roms. Doch damit nicht genug. Hinzu kommt, dass die Villa seit 1889 das weltweit bedeutendste Museum etruskischer Kunst birgt, eine einzigartige Sammlung, die nicht nur dem historisch-antiquarischen, sondern auch dem kunstgeschichtlich-ästhetischen Besucherinteresse vieles zu bieten hat. Dafür sorgen allein schon die künstlerischen Glanzleistungen unter den zahlreichen erlesenen Exponaten, allen voran der berühmte Ehepaar-Sarkophag aus Cerveteri und die Figuren vom Apollon-Tempel in Veji.

Joachim Poeschke ist Direktor des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Münster und ein Experte für italienische Kunst des Mittelalters

Felix Thürlemanns toskanische Insel

Es gibt wenige Kunstliebhaber, die sich nach Castiglione Olona verirren. Das Städtchen, von den Italienern als "Insel der Toskana in der Lombardei" apostrophiert, liegt fern von den großen Touristenzentren. Doch die beiden älteren Damen, die im Vorraum des Baptisteriums den paar wenigen Gästen die Eintrittskarten verkaufen, wissen, welch Wunder der Malerei der kleine Bau birgt. Ausgemalt hat ihn im Jahre 1435 – zusätzlich zu den Marienfresken im Chor der Kirche – der Florentiner Masolino. Auftraggeber war ein damals 85-jähriger Kardinal: der aus Olona stammende Branda Castiglione, der sich nach einer erfolgreichen Karriere als päpstlicher Legat in seinen Heimatort zurückgezogen hatte. Seine zahlreichen Stiftungen und Bauten prägen ihn bis heute. Was Masolino, der heute im Schatten seines jung verstorbenen Mitarbeiters Masaccio steht, in der Taufkapelle geleistet hat, kann man nur vor Ort erfahren. Der Maler erzählt die Vita des Hl. Johannes ganz neu, indem er diese mit all ihren unerwarteten Wendungen aus der gebauten Architektur heraus entwickelt. Etwa, wenn er die dicke Mauer einer Fensterlaibung benutzt, um darauf ein Gitter zu malen, hinter dem man den Täufer erkennt, wie er mit gefalteten Händen kniend auf seine Hinrichtung wartet.

Nach dem Besuch von Collegiata und Baptisterium schlendert man hinunter zum Familienpalast der Branda, wo Masolino die Landstriche von Ungarn, in denen der Kardinal als päpstlicher Legat wirkte, als mit Burgen bewehrte Hügelketten dargestellt hat. Der Zentralbau gegen-über, Brandas Palastkapelle, war damals architektonische Avantgarde. Gleichwohl ist der Name des Baumeisters nicht überliefert. Zwei riesige Relieffiguren, die Heiligen Antonius und Christophorus, rahmen den Eingang wie Wächter. Sie sollten den Vorbeigehenden, der einen Blick auf sie warf, vor der Pest und vor dem plötzlichen Tod schützen. Der humanistisch gebildete Kardinal hat sie wohl als Reverenz an den Aberglauben der lokalen Bevölkerung hinstellen lassen.

Felix Thürlemann ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Konstanz

Christine Tauber in Venedig

Wer in Venedig vor der in ihrer heutigen Form aus dem 17. Jahrhundert stammenden Kirche S. Cassiano steht, würde hinter ihrer schmucklosen Fassade kaum eine lohnende "Aufgabe zum Genießen" vermuten. Doch ein Faszinosum dieser Stadt ist ja – neben vielem anderen –, dass hier fast jedes Kirchlein eine wohlbestückte Gemäldegalerie beherbergt. So auch hier: Im Presbyterium umfangen gleich drei Bilder Tintorettos das Allerheiligste: links eine Kreuzigung, über dem Hochaltar die Auferstehung und rechts Christus in der Vorhölle. Bei Letzterer lässt sich selbst der in aestheticis gerne zänkische Erich Hubala in seinem Reclam-Kunstführer zu einem Lob hinreißen: "Ein Meisterwerk und nicht so schlecht erhalten, wie behauptet wurde; alles ist auf dramatische Lichteffekte abgestellt. Vor Christus, der von links oben in das Dunkel hineintaucht, brechen die Ketten, stürzt das Höllentor zusammen; alles geschieht gleichsam lautlos, wie eine zauberhafte Entführung." Mir hat sich der Lanzenwald in der Kreuzigung eingeprägt und die Tunika Christi, die unter dem Kreuz als autonomes Objekt ihr rotes Kunstspektakel entfaltet.

Christine Tauber lehrt als Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München