Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne "Das Ohr zur Welt", die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die vierzehnte Folge.

Wir sind auf dem Weg ins amerikanische Pennsylvania. Die Longwood Gardens, Kennett Square, sind angeblich "die größte Sehenswürdigkeit der Gartenwelt". Ich soll dort einen Vortrag halten. Als ausgebildeter Botaniker habe ich gelernt, dass die Klänge der Natur durch die Pflanzen, die in ihr wachsen, vorherbestimmt sind. Die Landschaft und die Vegetation können wie Notenblätter gelesen werden.

Mein Abflug in Seattle hat sich um zehn Minuten verzögert, da wir auf dem Rollfeld noch auf fehlendes Gepäck warten müssen. In diesen zehn Minuten könnte der Pilot auf seiner Route zehn Nationalparks ausweichen und so deren Ruhe bewahren. Aber die Verzögerung gibt mir auch Zeit, meinen Vortrag noch einmal durchzugehen. Er dreht sich um die Klangwelt der Natur, den Garten Gottes, und wie wir lernen können, genauer hinzuhören. In der anschließenden Fragerunde soll es vor allem darum gehen, wie man dem eigenen Garten zu Hause Töne entlocken kann.

Im Grunde ist es einfach: Pflanzen ziehen Tiere an. Pflanzen Sie einen Obstbaum und es werden Vögel und Bienen kommen, die singen und summen. Pflanzen Sie Gräser und lassen Sie diese wachsen. Die Halme werden nicht nur wundervoll im Wind pfeifen und rauschen, sondern auch Vogelarten dazu bewegen, darin zu überwintern. Jede Pflanze klingt im Wind oder im Regen anders. Und es gibt viele Bücher, die sich damit beschäftigen, welche Pflanzen welche Tierarten anlocken.

Meine einstündige Taxifahrt vom Flughafen Philadelphia ist erfüllt von hässlichem Lärm – die Straßen sind überfüllt, oft geht nichts mehr voran. Mein Ziel, die Longwood Gardens, erweisen sich als prächtiges Anwesen in makellosem Zustand. Eine steife und kühle Frühlingsbrise weht durch die Bäume. Ich komme an einer raschelnden Buche vorbei, an der noch hartnäckig die kupferfarbenen Blätter des letzten Jahres hängen. Daneben brausen die nackten Äste einer der wenigen Ulmen, die deren massenhaftes Erkranken überlebt hat.

Im Gewächshaus empfängt mich der Geruch tropischer Orchideen – ein Duft, feiner als die teuersten Parfums. Auf der Bühne erwartet mich bereits ein Techniker für den Soundcheck – sehr wichtig. Die Klänge der Natur sind komplexer als Sprache oder Musik. Das menschliche Ohr hat sich in der Wildnis entwickelt. Wir sind geborene Zuhörer. Aber das Mischpult muss genau justiert werden, damit die Klänge perfekt wiedergegeben werden. Showtime!

Mein Vortrag ist ungewohnt für die Ohren des Publikums. Denn es spricht im Grunde nur die Erde – ich mache lediglich ein paar kurze Ankündigungen. Alle lehnen sich zurück, manche schließen die Augen und konzentrieren sich ganz und gar auf einige der wildesten Konzerte der Natur.

Als die Lichter im Saal wieder angehen ist es Zeit für die Fragerunde – mein Lieblingsteil. Eine Frau, die ich von meinem Spaziergang vorher wiedererkenne und die aussieht, als würde sie oft in Ruhe irgendwo sitzen und lauschen, stellt schließlich die große Frage: "Wie können wir unsere Gärten zu Hause zum Klingen bringen?"