Vor Porto di Lido wird es hektisch. Schweigend und konzentriert auf die noch ungewohnten Bewegungsabläufe, paddeln wir vier hinter Seindal durch den den Canale di San Nicolò. Die Tour führt von Venedigs Lido Richtung Punta Sabbioni. Laut dem GPS-Gerät, das Seindal mit einem Klettverschluss an seinem weiß-schwarzen Boot befestigt hat, sind wir mit einer Geschwindigkeit von 3,5 Stundenkilometern unterwegs. Für Büromenschen, die nur ab und zu in einem Kanu sitzen, wäre das kein schlechter Schnitt. Aber bei Flut reicht dieses Tempo nicht aus.

Die Adria drängt mit Macht durch die schmale Pforte zwischen der sichelförmigen Punta Sabbioni und dem von Hotels und Gärten geschmückten Lido. Das Paddeln wird mühsam. Seindal rudert mit kräftigen Schlägen voran. Wir haben Pech: Uns braust ein Motorboot entgegen. Die Kajaks tanzen wie Bojen auf den Bugwellen. Das Herz rast, der Atem flattert – wären wir nicht so nass vom Salzwasser könnten wir den Schweiß spüren, der uns über die Gesichter rinnt. Als wir die Nehrung hinter uns gelassen haben, macht uns unser Kajakführer Mut: "Wenn wir nicht zu lange brauchen, ist uns die Ebbe auf dem Rückweg behilflich."

Es ist kurz nach 9 Uhr am Morgen. Über uns wölbt sich ein azurblauer Himmel, ein heißer Frühsommertag kündigt sich an. Vor einer halben Stunde sind wir von unserem Campingplatz am Lido aufgebrochen, professionell bekleidet mit T-Shirt, Neoprenhose, Schwimmweste und einer reifrockähnlichen Spritzdecke. Links sah man die Kirchendächer der Giudecca, weiter hinten die Kuppel des Markusdomes. Unser Ziel ist die weit im Norden der Lagune gelegene Insel La Cura. Das sind hin und zurück knapp dreißig Kilometer. Für Seindal, der vor einigen Jahren Sardinien im Seekajak umrundet hat, ist das kein Problem. Er erinnert sich: "Ganze 900 Kilometer habe ich zurückgelegt. Abends waren meine Finger immer geschwollen wie Würste." Uns genügt die heutige Tour als Herausforderung.

Seindal, der lange in der Computerbranche gearbeitet hat, stammt aus Dänemark. Weil sich der stämmige Mittvierziger mit den blauen Augen und dem blonden Vollbart lieber in der Natur aufhält, hat er seine Passion zum Beruf gemacht. "Vor einigen Jahren nahm mich ein Freund aus Venedig auf eine Kajaktour mit. Dabei kam mir die Geschäftsidee."

Seit 2009 bietet Seindal nun Kanuexkursionen in der Lagunenstadt an. Der Däne hat dabei mit zwei Gegnern zu kämpfen: Den Gondolieri, die befürchten, es könne ihnen das Geschäft kaputt machen, wenn die Gäste selbst paddeln. Und den Motorbootfahrern. Wie unschön Begegnungen mit letzteren sein können, haben wir gerade selbst erlebt. "Sie dürfen hier eigentlich nur mit fünf Stundenkilometern fahren", sagt Seindal und zeigt auf die Schilder an den runden Holzpfählen, von denen die Wasserstraßen gekennzeichnet werden. "Aber sie scheren sich einen Teufel um Vorschriften."

Hinter Porto di Lido wartet ein Geflecht verwunschener Kanäle auf uns. Was auf den ersten Blick wie ungezähmte Natur wirkt, entpuppt sich als Menschenwerk: Mit unseren Kanus tauchen wir ein in Venedigs oft kriegerische Vergangenheit. Wir paddeln vorbei an der Insel La Certosa, die bedeckt ist von einem urwaldähnlichen Dickicht.

Aus dem Gestrüpp erhebt sich ein halb verfallenes Gebäude. Es sind die Überreste eines mittelalterlichen Karthäuserklosters, das in Napoleonischer Zeit aufgelöst und als Munitionsdepot genutzt wurde. Seitdem verwildert die knapp 25 Hektar große Insel. Die früheren Bewohner haben sie längst verlassen. Mit ruhigen Schlägen fahren wir an Sant' Andrea mit seinen gewaltigen Mauerbollwerken vorüber: ein Werk des Veroneser Militärarchitekten Michele Sanmicheli aus dem 16. Jahrhundert.

Bereits im Mittelalter, sagt Seindal, sei die Serenissima durch ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem vor Überfällen von Meerseite gesichert gewesen. "Alle späteren Herrscher, Franzosen, Österreicher und das Königreich Italien, haben die Festungen ihrer Vorgänger weiter ausgebaut." Heute klaffen Bruchstellen im Mauerwerk. Ganze Gebäudeteile sind im Meer versunken. Wo einst gusseiserne Kanonenrohre hervorragten, wuchern Brombeerhecken. Unser Führer lotst uns zu den moosbewachsenen Mauern. Aus der Nähe kann man verwitterte Inschriften und Wappen erkennen, einen marmornen Markuslöwen, von dessen ehemaliger Pracht wenig erhalten ist. Auch deshalb unternehme er die Kajaktouren, sagt Seindal. "So entdeckt man vieles, das einem sonst verborgen bliebe."

Nur ein Bruchteil der 20 Millionen Touristen, die jährlich Venedig überschwemmen, stößt in das amphibische Reich der etwa 100 Inseln vor, die die Stadt wie mit eine Smaragdkette umrahmen. Auch von den Einheimischen kennen nur wenige diese stille Welt. "Sie bildet das größte Feuchtbiotop Italiens. Die Menschen hier haben jedoch keine Beziehung mehr zum Wasser und den sich ständig verändernden Inseln", sagt Seindal. Dabei sind diese die Keimzelle Venedigs. Jahrhundertelang befanden sich Kirchen, Klöster, Friedhöfe, Pilgerhospize, Krankenhäuser, Gemüse- und Obstgärten sowie Schiffswerften auf den Inseln. Erst nachdem Venedig um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine Eisenbahnbrücke mit dem Festland verbunden wurde, verlor der Archipel seine einstige Bedeutung. Der Markusplatz, früher das wirtschaftliche Herz der Stadt, wurde zur Bühne für die Touristenmassen. Als dann im vorigen Jahrhundert auf dem Festland riesige Industrieanlagen gebaut wurden, verwandelte sich die Lagune in eine Kloake.

Heute stinkt Venedigs Inselreich nicht mehr. Die 550 Quadratkilometer umfassende Wildnis aus Inseln, Salz- und Süßwasser, Watt- Marschland, bildet ein Paradies für Fische und Wasservögel. Wir steuern San Francesco del Deserto an, um dort Pause zu machen. Vater Felice begrüßt uns und führt uns trotz der Neoprenkleidung durch die spätmittelalterliche, dem Heiligen Franziskus geweihte Klosteranlage. Der greise Mönch steckt in einer braunen, bodenlangen Kutte und ausgetretenen Holzpantinen. Sobald er den Mund zu einem breiten Lächeln öffnet, was ziemlich häufig geschieht, blitzt das Gold in seinen lückenhaften Zahnreihen.

Im Garten blühen Kirschbäume. Der Wind hat die schneeweißen Blütenblätter über die geharkten Kieswege verstreut. Unsere Schritte machen knirschende Geräusche. Als Franziskus hier im 13. Jahrhundert predigte, sagt Vater Felice mit Blick zu den Singvögeln im Baum, wäre "das Federvolk auf sein Geheiß hin" sofort verstummt. "Wunder sind auch heute noch möglich", sagt er. Die Vögel singen unbeeindruckt weiter.