Seindal drängt zum Aufbruch. "Bis La Cura müssen wir noch zwei Stunden paddeln." Wir haben das mit Backsteinmauern umgürtete Sant'Erasmo hinter uns gelassen und auch Vignole und Lazaretto Nuovo, wo sich in den Quarantäneanstalten und Schiffswerften einst finstere Dramen abspielten. Erst vor einigen Jahren wurden an den Wänden des Tezon Grande, einem mehr als hundert Meter langen Gebäude, Inschriften und Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert entdeckt: Einzigartige Dokumente über das Leben auf den Galeeren, das Wirken der Pestärzte und der Bastazzi – Beamte im Dienst der Dogen, die akribisch die Waren der Handelsschiffe kontrollierten.

Vor uns liegt das Gebiet der Barene, jener von mageren Salzwiesen überzogenen Inseln, die bei Flut verschwinden. Die Barene bildete sich einst im Mündungsgebiet der Flüsse Piave und Sila. Heute ist das Sumpf- und Marschland ein Labyrinth aus kleinen Kanälen, in dem keine Motorboote verkehren dürfen. Hier gibt es auch keine Briccole mehr, jene mannsdicken Eichenstämme, die Booten den Weg weisen. Und auch auf das GPS ist kein Verlass. Wo sich gestern noch eine Fahrrinne befand, verhindert heute eine graue Sandbank das Weiterkommen. In solchen Fällen hilft nur der Schildkrötengang: Mit dem Kanu als Panzer über den Köpfen bahnen wir uns einen Weg durch algenbedeckten Schlick. Reiher beobachten uns skeptisch. Wir sehen Enten und zahlreiche Wattvogelarten. Der Gezeitenwechsel diktiert hier den Rhythmus. Die gemächliche Fortbewegungsart im Kajak passt perfekt dazu.

Wir tauchen ein ins Schilf. Das Röhricht raschelt leise. "Plitsch-Platsch" machen die Paddelblätter. Jetzt, wo die Ebbe eingesetzt hat, sind nackte, nach Moder riechende Sandstreifen freigelegt. Durch das seichte Gewässer schwimmen Fische. Eine Lachmöwe schießt im Sturzflug herab und flattert im nächsten Augenblick mit der aufgespießten Beute davon. Weiter vorne erhebt sich ein Kormoran. Der Wind macht dem Gewässer eine Gänsehaut.

Am Nachmittag legen wir auf La Cura an. Auf alten Stiche steht auf der Insel eine Anlage mit hölzernen Landungsstegen, Schutzmauer, Kirchen und Lagerhallen. Außer einem hohen Gebäude mit angebautem Kamin sowie den Resten einer Cavana – einer Art Schiffsgarage – ist nichts davon erhalten. Vor Kurzem hätten hier archäologische Grabungen stattgefunden, sagt Seindal. "Die Forscher vermuten, dass sich hier die antike Stadt Costanziaco befand. Falls ihr eine Tonscherbe entdeckt, schaut genau hin – sie könnte von einer römischen Amphore stammen." Wir picknicken, bevor wir uns auf den Rückweg machen. 

Die Arme sind schwer. Wir paddeln in einer Linie, Kilometer für Kilometer. Unser Führer hat eine Rettungsleine an seinem Boot befestigt. "Wenn es gar nicht mehr geht, kann ich euch abschleppen", sagt er. Das wäre ja noch schöner. Nach acht Stunden haben wir das Bootshaus am Lido erreicht. Ganze 34 Paddelkilometer hat das GPS gezählt. Das – mittlerweile – verhasste Kanu muss noch auf den Bootsträger gehievt werden. Das Abendessen an der Promenade haben wir uns verdient. Touristen flanieren am Strand entlang. Sie sehen ein wenig stolz aus, weil sie den Weg vom Markusplatz bis hierher gefunden haben. Wir nicken uns zu, mit zufriedenen Gesichtern. Eines ist klar: Um Venedig in seiner ganzen Schönheit zu entdecken, muss man noch viel weiter gehen. Dorthin, wo es weh tut.