Hinter dem Zaun hat die Party begonnen. Auf dem großen Campingplatz des Hurricane-Festivals im norddeutschen Scheeßel liegen am Freitagvormittag zwischen den Zelten kleine Müllhaufen. Aus einem Zelt schrubbt Heavy Metal: Panteras 5 Minutes Alone . Einen Bierdosenwurf weiter hält eine Gruppe Festival-Besucher mit ihrem Ghettoblaster und Songs von Bad Religion dagegen. Aus dem Absperrband, das die Wege und die Flächen für die Zelte kennzeichnen sollte, hat jemand ein kleines Kunstwerk geschnürt.

In Sichtweite davon stehen hinter einem anderen Zaun im sogenannten Green Camp Zelte in einer Reihe auf dem noch grünen Rasen. Der Festival-Besucher Felix Schlott sitzt mit seiner Zeltnachbarin Verena Eisbrenner beim späten Frühstück. "Gestern gab es eine kleine Demo draußen vor dem Zaun", sagt Schlott. Noch 2010 war der Campingplatz, der jetzt Green Camp heißt, von den anderen Zeltplätzen des Festivals nicht zu unterscheiden. In diesem Jahr hat ihn der Veranstalter aber unter das Motto "Grüner wohnen" gestellt. Es ist ein Versuch, den fröhlichen Festival-Wahnsinn ein wenig zu dämpfen: Wer hier übernachtet, verpflichtet sich, seinen Müll in die dafür vorgesehenen Container statt zwischen die Zelte zu werfen und nachts Ruhe zu halten. "Etwa 20 Leute haben gegen diese neue 'Zwei-Klassen-Gesellschaft' protestiert," sagt Schlott. Kein ernst zu nehmender Protest: Wer wollte, konnte sich im Voraus kostenlos auf der Website des Hurricane-Festivals für das Green Camp anmelden. Und auch während des Festivals wurden noch Camper zugelassen.

Das Green Camp hat mit "grün" im Sinne von ökologisch noch nicht viel zu tun: Der Müll soll nur entsorgt, aber nicht getrennt werden. Das Essen im Frühstückszelt ist so wenig bio wie auf dem Rest des Geländes. Aber für jene der mehr als 70.000 Festivalgänger, die am Ende der Party gerne ein paar Stunden schlafen möchten, können die strengeren Regeln das Wochenende schon angenehmer machen.

Während auf dem großen Campingplatz bis zum Sonnenaufgang Musik läuft oder Witzbolde "Helga!" schreiend über Zeltschnüre stolpern, unterhalten sich die Gäste des Green Camps nachts eher auf Zeltlautstärke. Schlott, der seit zehn Jahren auf das Festival kommt, sagt: "Die ersten beiden Nächte hat das gut geklappt. Ich fühle mich zum ersten Mal ausgeschlafen. " Für seine Zeltnachbarin, die vorher noch nie auf einem Festival übernachtet hat, war das Green Camp eine attraktive Option: "Was ich bisher über die Zeltplätze auf Festivals gehört hatte, klang heftig", sagt Eisbrenner. "Deswegen hat es mich gefreut, dass es diese Möglichkeit gab."

Sayan König und Kai Täschner haben es sich auf einer Luftmatratze vor ihrem Zelt gemütlich gemacht. Auch sie fühlen sich im Green Camp wohl: "Es ist sauberer und deutlich leiser", sagt König. Und Täschner ergänzt: "Sogar die Wege sind noch da – erstaunlich. Normalerweise ist alles auf dem Platz zugestellt, wenn man ankommt. Nachts findet man dann sein Zelt nicht mehr." Verstöße gegen die Regeln werden vom Veranstalter auch im Green Camp nicht geahndet. Die Selbstregulierung funktioniert dennoch. Die meisten Zelte stehen vorbildlich innerhalb der rot-weißen Markierung. Auf den Wegen wird Fußball gespielt. Eine Gruppe Sanitäter in roten Anzügen geht vorbei, einige Jugendliche fangen an zu singen: "Da kommt ein rot-weißer Partybus." Die Helfer bedanken sich für die Huldigung mit einer La-Ola-Welle.

Insgesamt scheinen die Gäste im Green Camp ein wenig älter zu sein als die auf den anderen Campingplätzen. Der Eindruck mag aber auch der gelasseneren Stimmung geschuldet sein. Für den Veranstalter ist die positive Resonanz der Besucher ein willkommenes Signal. "Es haben sich etwa 13 Prozent der Gäste für das Green Camp angemeldet", sagt Jasper Barendregt, ein Mitarbeiter von FKP Scorpio. Weil man nur mit 10 Prozent gerechnet hatte, wurde der Campingplatz zweimal vergrößert. "Das Müllaufkommen war geringer. Es wurde mehr Abfall zum Recycling abgegeben, es wurden weniger zerstörte Zelte und Pagoden zurückgelassen und mehr Dosenpfand eingelöst."

Ein ordentlicher Campingplatz spart dem Veranstalter Geld. Er braucht weniger Personal, um den Müll einzusammeln und das Gelände wieder in Ordnung zu bringen. Auch den Sicherheitskräften und Helfern des Roten Kreuzes erleichtert es die Arbeit, wenn die Party nur innerhalb der überschaubaren Festivalarena und im Partyzelt und nicht auf dem kompletten Gelände gefeiert wird. "Wenn sich im nächsten Jahr mehr Leute anmelden, werden wir die Fläche noch weiter vergrößern in der Hoffnung, irgendwann 100 Prozent Green Camp zu haben", sagt Barendregt.

Vielleicht wird dann zumindest ein Teil des Green Camps zum echten grünen Campingplatz. Im dänischen Roskilde wurde unter anderem die Beleuchtung auf Energiesparlampen umgestellt . Auf dem Way-out-West-Festival im schwedischen Göteborg gibt ein großes Angebot an Bio-Lebensmitteln. Diese Bestrebungen sind für die Veranstalter nicht immer lukrativ, aber gut für die Umwelt und das Image. Und sie bringen den einen oder anderen Besucher vielleicht dazu, ebenfalls netter mit sich und seiner Umwelt umzugehen – zum Beispiel, indem er statt Burger und Döner lieber Tofu-Wurst und Salat bestellt. "Das ist nämlich das einzige, was hier wirklich noch fehlt", sagt der Camper Kai Täschner: "Endlich mal vernünftiges Essen."