Ohne Eichendorff geht’s nicht, also begrüßen wir ihn gleich: "Auf zum Wald, zum schönen, grünen Wald." Spätromantische Begeisterung. Unterm Blätterhimmel erschuf sie das Sehnsuchtsgehege der Deutschen, tags wie nachts geöffnet. Zuflucht vor dem Ansturm der Welt, Quelle innerer Einkehr, nicht bloß ein Baum und noch ein Baum: Von hohem Grün umfangen wird der Mensch erst zum Menschen, dichtete man in diesen Zeiten. Von den Märchen ganz zu schweigen, obschon die Durchfahrtsorte auf dieser Reise durchaus darin Platz fänden, Craula, Langula und Oberdorla. Zum Nationalpark Hainich winden Straßen sich durch Siedlungen aus dem 13. Jahrhundert, teils backsteinernes Gemorsch, manche schmuckvoll renoviert zu geldautomatfreien, einkaufszentrumslosen Dörfchen. Falls es hier Zivilisationslärm gibt, hat Thüringen ihn gut gedämmt.

Wo das Bundesland an Hessen grenzt, am Mittelpunkt der Republik, erstreckt sich Deutschlands größter Laubwald einen Höhenzug entlang. Voller, satter Wald, alle Töne grün, 7.500 Hektar Nationalpark. "Urwald mitten in Deutschland", wirbt die fremdenverkehrsamtliche Broschüre, in jedem Gasthof hier erhältlich. Zu DDR-Zeiten stand der Hainich in keiner Wanderkarte. Die NVA übte im Unterholz den Ernstfall. Mittlerweile ist dieser Fleck im Westen Thüringens ein beliebtes Urlaubsziel. Wer Stille sucht, dem wird gegeben.

Autos knirschen auf den Schotterplatz, es ist später Vormittag, bald steht Blech an Blech am Waldessaum. Den Hainich hat man ja nicht für sich allein. Das Schöne aber: Es verläuft sich. 18 Wanderwege liegen zu Füßen der Besucher. Man grüßt sich stumm. Der Wald möchte andächtig betreten werden. Vorsicht mit den Ästen. Sie hängen oft sehr tief.

Drinnen muss sich der Körper zunächst gewöhnen. Ein gemächliches Zusichfinden. Bis die Augen sich scharf stellen, die Lungen sich mit Luft füllen (frisch vom Erzeuger!), bis das Linkszwodrei des Alltags langsam aus den Beinen weicht. Wie das riecht: Moose, Flechten, Pilz, vermodertes Holz, Feuchtigkeit. Wald sind nur vier Buchstaben, wie Ruhe, wie Lust – beides ist im Hainich all inclusive.

Und wer braucht schon Palmen zur Entspannung, wo er Buchen haben kann! Sie sind die Hauptdarsteller dieses Landstrichs. Bis zu 30 Meter hoch strecken sie ihr Geäst empor, das auf dicken Stämmen thront. Wenn man so will, ist die Rotbuche der deutsche Urbaum. Weder die dürre Birke, noch die devote Fichte. Und am Getue um die Eiche sind eh barocke Maler schuld.

Könnte die Buche, wie sie wollte, stünde sie heute fast noch überall. Knapp sieben Milliarden Bäume insgesamt bewalden unser Land. Teilte man sie in der Bevölkerung auf, blieben für jeden etwa 90 Stück. Wer eine alte, urwüchsige Buche bekommt, hätte allen Grund zum Stolz. Übrigens, erzählen sich Waldskeptiker, kennen manche diesen schönen Baum bloß als Kommode von Ikea, hell furniert für 69,90. Aber wer will Waldskeptikern schon zuhören?

Im Hainich allerdings darf die Buche, was sie will. Allein: Baum soll sie bleiben. Und wie unter ihnen Sitte, fallen die alten bisweilen um, wenn das Wurzelwerk die Kraft verliert oder ein Sturm zu tüchtig pustet. Man muss nicht tief hinein, um die silbrigen Stämme zu entdecken. Überall liegen sie hier rum, gebettet auf wildem Bärlauch, der fast an jeder Ecke sprießt. Die Natur nimmt ihren Lauf. Das Totholz wird zum Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Zunderschwämme schmiegen sich an die Rinde der Gestürzten. Wo einst deren Wurzeln im nährstoffreichen Muschelkalk steckten, hat ein Fuchs sich eingerichtet. Durch das entstandene Loch im Baldachin kitzelt die Sonne den Buchennachwuchs.