Niemand hat davor gewarnt. Wie sich das zerklüftete, grenzenlose Herr-der-Ringe-Land in Sekundenschnelle verdüstert. Eben noch wölbte sich das letzte Tageslicht über die kahle, schwarze Haldenkuppel. Dann fern am Horizont die ersten Blitze, wie aus Glut gezogen direkt über dem rauchenden Schlot einer Fabrik. "Wir stehen am Scheideweg zwischen Industrie und Natur", sagt der Führer. Die Halde Haniel bei Bottrop fast am westlichen Rand Deutschlands ist im Kleinen ein Wanderparadies. Im Großen, wenn die Wanderer wie kleine Punkte auf ihr verschwinden, wirkt sie wie ein gewaltiger Grenzstein, der die Ebene teilt, in Wald und Häusermeere. Sie ist eine von acht Dreh- und Angelpunkten für das nächtliche Großereignis Haldensaga. Die Veranstalter der Ruhr.2010 hoffen auf 12.000 Besucher, die Wandern und Erzählen, die beiden ältesten Kulturtechniken, miteinander verschmelzen sollen. Ein uralter Traum.

Richtig, im Ruhrgebiet. Da denkt man spontan erst mal in die Tiefe, rein in den Stollen. Nach innen, schrieb Novalis, geht der geheimnisvolle Weg. Jetzt sollen hier aber Gipfel gestürmt werden. Die Halden sind ganz langsam gewachsen und wachsen noch immer, und zwar aus Abraum, ausgeschaufeltem Erdinneren. Sie bilden ein eigenwilliges Netz aus Landmarken. Längst hat sie die Kulturszene für sich entdeckt. Auf der Bottroper Halde Haniel etwa gibt es seit 1999 in einer Versenkung ein Amphitheater, wo im vergangenen Kulturhauptstadtjahr noch Verdi erklang. Der baskische Künstler Agustin Ibarrola hat in 159 Meter Höhe auf dem immer windigen Plateau über Hundert bunt bemalte Eisenbahnschienen in den Boden gerammt; ein "Totem", das bei Sonne lange Schattenstäbe wirft, bleiche Wegweiser ins Nirgendwo.

Die Haldensaga ist getragen von einer Vision, erdacht wie ein geheimnisvoller Nachtroman, der erst beim Lesen, beim Vorlesen, beim Gehen aus seiner Zweidimensionalität erwacht. Hauptfiguren sind die sogenannten Nachtdozenten, insgesamt über 120 Erzähler, die am Wegesrand der 19 Touren warten werden, um den geführten Wandergruppen ihre persönliche Geschichte zu erzählen: Verschwörungstheoretiker, Kohlenhändlerkinder, Fußballfetischisten, Architekten, Biologen, Science-Fiction-Autoren. Sie sind die eigentlichen Helden dieser Nacht.

Startpunkt zur Tour B1 Richtung Halde Haniel ist das Bottroper Museum Quadrat. Zwei Rennsportfahrer mit Sprühdosen bekommen etwas Vorsprung, um den Weg zu markieren. Mit Pfeilen wie bei einer Schnitzeljagd und neonfarbenen Knicklichtern, die weithin leuchtend in Bäumen hängen und wichtige Kreuzungen säumen. Runen einer neuen Zeit, deren Botschaften zu entschlüsseln sind. Könnte man denn verloren gehen? Träge setzt sich die erste Wandergruppe in Bewegung, zusammengehalten von netten Pfadfinderinnen, die wie aufgeregte Hirtenhunde vor- und zurücklaufen. Es riecht nach Gewitter, ein Vogel zwitschert, das Klackern der Sprühdosen ist verklungen, die Nacht schon im Blick. Der Führer an der Spitze trägt Fähnchen und eine signalrote Weste, dazu eine himmelblaue, prall gefüllte Faktentasche, was beruhigend klingt: Fakten!

5.000 Äpfel, 33 Zelte, ein Funknetz für sekundenschnelle Kommunikation unter den acht Halden sind Teil einer komplizierten Logistik, eines Aufwands, den der einzelne Wanderer nicht merken soll. Der Weg ist noch eben, von Laubbäumen beschattet, der Abend jung. Wildgänse kreuzen den Weg wie fremde Wesen. Winzige, braune Grasfrösche springen auf, und man sieht sie schon im Sohlenprofil der Wanderschuhe feststecken. Lieber behutsam auftreten. Eine ohrenbetäubende Autobahn ist zu überqueren. Dann ist der Lärm verebbt. Was da so lila am Rande blüht? Springkraut? Nö, ich glaub' Orchideen, sagt einer. Und da fällt es einem wieder ein, dass unzählige Orchideenarten sich auf den Halden angesiedelt haben. Vegetativer Wandel!

Wandel ist überhaupt das Stichwort, das der erste Nachtdozent nach einigen, sachte gehechelten Kilometern mit Leben füllt: Andreas Meyer, Sohn eines Kohlenhändlers, heute Gastführer, steht geerdet, hinter ihm ragt wie ein perfekter Bilderrahmen meterhoch der Malakowturm der Bottroper Steinkohle-Zeche Prosper-Haniel in den Himmel. Man bildet einen Halbkreis. Formation hat die Gruppe inzwischen geübt, auf Zuruf Spaliere für Radfahrer und Jogger gebildet und auf Langsamere gewartet.

Ob der Vortragende Novalis kennt? "Nach Norden, in die Tiefe", raunt er irgendwann, und die Worte klingen wie aus alter Zeit. Ralf Rothmann, der das Ruhrgebiet wie kein anderer in Literatur verwandelt hat, fällt einem ein. "Unter Tage ist es immer dunkel, immer Nacht ... Da unten liegen versunkene Wälder. Du steigst im Schacht durch Jahrmillionen, legst dich krumm und rackerst dich ab, und am Ende reicht es wieder nur für die Margarine." Schildert er Kohlehaufen, wird es überirdisch schön. "Um die Haufen herum lag stets feiner Staub, eine hellschwarze, leicht schimmernde Aura."