Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe August 2011, www.nationalgeographic.de

An einem Herbstmorgen tappt eine schemenhafte Gestalt hinunter zum Ufer: ein Schwarzbär auf dem Weg zum Frühstück. Es ist Laichzeit, und rund um Gribbell Island an der Küste von British Columbia wimmelt es von Lachsen. Auf einer Fläche voller Algen hält der Bär inne, streckt die Nase in die Luft und wittert. Strenger Verwesungsgeruch zieht zu uns herüber. Marven Robinson wendet sich gelangweilt ab. "Vielleicht haben wir flussaufwärts mehr Glück", sagt der 43-­Jährige. Er ist ein Mitglied des Gitga'at-­Stamms, zu dessen traditionellem Territorium Gribbell Island gehört, und arbeitet als Wildnisführer. Dies war nicht der Bär, nach dem er Ausschau gehalten hatte.

Er ist hinter einer selteneren Kreatur her, die hier besonders verehrt wird: Die Gitga'at nennen sie mooksgm'ol, "Geisterbär", für andere ist es der Kermodebär. Ein weißer Schwarzbär! Dieses Tier ist weder ein Albino noch ein Eisbär, sondern eine weiße Variante des nordamerikanischen Schwarzbären. Man findet ihn fast nur hier im Great Bear Rainforest, einer rund 65.000 Quadratkilometer großen Wildnis, anderthalb mal die Fläche der Schweiz. Grizzlybären, Schwarzbären, Wölfe, Bärenmarder, Buckelwale und Schwertwale leben an dieser Küste, die seit Hunderten von Generationen die Heimat von indianischen Stämmen wie den Gitga'at ist. Hier gibt es Wölfe, die fischen. Hirsche, die schwimmen. Mehr als tausend Jahre alte Riesen-­Lebensbäume.

Und diesen Schwarzbären, der weiß ist? Robinson lässt den Blick schweifen. Schaut, ob sich irgendwo etwas bewegt. Kein Bär. Dann stockt er. Ein weißes Fellbüschel an einem Erlenzweig! "Sie sind hier irgendwo", sagt er und zeigt auf die zerkaute Rinde. "Sie beißen gern in die Bäume. So markieren sie ihr Revier." Eine Stunde vergeht. Robinson wartet geduldig auf einem bemoosten Felsblock. Dann knackt es im Gebüsch. "Da ist er." Ich staune, als hätte ich eine Erscheinung.

Aus dem Schutz der Bäume tritt ein helles Wesen auf einen Felsen im Fluss. Sein Fell glänzt vor der dunklen Farbpalette des Regenwalds. Der Bär lässt den Kopf nach links und rechts schwingen und hält in einer Stromschnelle Ausschau nach Lachsen. Noch bevor er zuschlagen kann, kommt plötzlich ein dunkler Schwarzbär aus dem Wald – und attakiert seinen hellen Artgenossen. Aber wie in Zeitlupe. Es scheint, als versuchten die Tiere, auch noch die letzte Kalorie für den Winter zu speichern. Der Weiße trollt sich ins Dickicht. Robinson lächelt. Seine glänzenden Augen verraten, dass er nicht gezögert hätte, sich in den Bärenkampf einzumischen.

Dieser Haltung begegne ich im Great Bear Rainforest immer wieder. Nur so konnte der weiße Bär überhaupt überleben. "Unser Volk hat dieses Tier nie gejagt", sagt Helen Clifton. Die 86­-Jährige ist eine Matriarchin der Gitga'at. Bärenfleisch habe bei deren Ernährung nur selten eine Rolle gespielt, sagt sie. Als europäische Händler Ende des 18. Jahrhunderts den Pelzhandel etablierten, begannen indianische Jäger zwar, Schwarzbären zu jagen. Doch es war ein Tabu, einen weißen Bären zu erlegen – und so ist es noch heute. "Bei Tisch haben wir nicht einmal über ihn gesprochen", sagt Clifton.

Diese spirituelle Form des Naturschutzes erwies sich als Glück für den Kermodebären. Die Gitga'at und benachbarte Stämme redeten nicht über ihn und sorgten so dafür, dass die Pelzjäger gar nicht erst erfuhren, dass es ihn gibt. Auch heute behalten die Angehörigen der Gitga'at und Kitasoo/Xai'xais diese Bären während der Jagdsaison genau im Blick. "Ich möchte niemandem raten, ihn auf unserem Territorium zu erlegen", sagt Robinson.

 Weiße Bären haben einen Jagdvorteil gegenüber ihren schwarzen Artgenossen

Thomas Reimchen und Dan Klinka von der Universität von Victoria haben kürzlich erkannt, dass das weiße Fell dem Geisterbären einen Jagdvorteil verschafft. In der Dunkelheit haben weiße und schwarze Bären eine ähnliche Erfolgsquote, doch tagsüber glückt bei weißen Bären jeder dritte, bei schwarzen Tieren nur jeder vierte Versuch. "Ich vermute, dass ein helles Objekt die Lachse weniger beunruhigt", sagt Reimchen.

Aus sicherer Entfernung beobachten wir den Geisterbären, wie er seine Beute verputzt. Hier wird so mancher dieser Art zum Gourmet. Der eine frisst nur Fischköpfe. Der andere beschränkt sich auf Fischeier. Weitere finden kein Ende. "Ich habe mal einen beobachtet, der nacheinander 80 Lachse fraß", erzählt Neasloss, Wildnisführer vom Stamm der Kitasoo/ Xai'xais.

Unser Bär scheint uns bemerkt zu haben und fühlt sich offenbar gestört. Dreht sich mit dem Lachs zwischen den Zähnen um und läuft hügelauf zu einem unsichtbaren Versteck. 20 Minuten später kommt er zurück, schnappt sich einen weiteren Fisch und nimmt auch ihn mit in den Wald. So geht es stundenlang. Bis das Tageslicht schwindet.