Man weiß nicht genau, was das politische Europa ausmacht. Aber man weiß, wo es besonders dramatisch endet. Im estnischen Ort Narva stehen sich die von Dänen erbaute Hermannsfeste und die russische Festung Iwangorod seit Jahrhunderten grimmig gegenüber. Nur durch den gleichnamigen Fluss Narva sind sie getrennt.

Die Hermannsfeste hatte mit der Zeit deutsche, schwedische und schließlich auch russische Besitzer. Zu Zeiten der UdSSR gab es hier keine Staatsgrenze. Heute gehört die Hermannsfeste zu Estland und damit zur EU. Iwangorod am anderen Ufer gehört zu Russland . Der Grenzübergang führt über eine Brücke zwischen den Burgen. Doch diese Grenze ist alles andere als eindeutig. In Narva und dem es umgebenden Landkreis Ida-Viru leben heute mehrheitlich russischstämmige Esten. Vor allem wegen ihrer fast menschenleeren Sandstrände und unberührten Laubwälder lohnt die Gegend einen Besuch. Aber auch die Städte der Region sind historisch beredsam. Sie sind geprägt vom architektonischen Spagat zwischen den Ruinen des realexistierenden Sozialismus und jüngeren Einkaufszentren.

Eine kuriose Sehenswürdigkeit des estnischen Landkreises Ida-Viru liegt etwa 30 Kilometer westlich von Narva an der Ostseeküste. Es ist der Ort Sillamäe, der erst seit der Wende der Neunziger wieder auf Landkarten verzeichnet ist. Zu Zeiten der Sowjetunion war seine bloße Existenz ein Staatsgeheimnis. Die örtliche Urangewinnungsanlage war eines der Zentren der sowjetischen Atomindustrie. Von hier soll das Uran für die erste sowjetische Atombombe gekommen sein. Aber so genau weiß man das nicht, denn in russischen Archiven ist das noch immer Verschlusssache.

Heute gleicht Sillamäe stellenweise einer Geisterstadt, in der der stalinistische Klassizismus gut wie kaum irgendwo sonst erhalten ist. Neubauten gibt es kaum. Das soziale Leben spielt sich im örtlichen Einkaufszentrum ab. Der einzige Hoffnungsschimmer ist ausgerechnet die Firma Silmet, in der einst Uran gewonnen wurde. Heute extrahiert man hier unter der Leitung des Amerikaners David O'Brock Seltenerdmetalle, die unter anderem in Handys Verwendung finden.

Silmet ist die einzige Firma außerhalb Asiens, die das tut. Vor allem seit die Chinesen die betreffenden Exporte eingeschränkt hätten, gehe es aufwärts, versichert der Geschäftsführer. Der örtliche Stadtplaner, Aleksei Stepanow, ist skeptischer, was die Zukunft der Stadt angeht. Bei einem Besuch im Rathaus erklärt er, man denke über die Renovierung der prächtigen Stalin-Bauten nach, aber bisher fehle das Geld. Er mag es nicht so recht glauben, dass sich Ausländer für die Stadt interessieren. Vielleicht, meint er schulterzuckend, sehe man die Schönheit Sillamäes ja nur von Außen.

Trister ist es in den Städten im Inland, in Kohtla-Järve und Kiviõli (zu Deutsch: Steinöl). Sie haben eine der höchsten Arbeitslosigkeits- und Alkoholismusraten Estlands – und damit wahrscheinlich auch Europas. Einst war die Gegend das Zentrum der hiesigen Schieferöl-Gewinnung. Heute sind die meisten Förderanlagen außer Betrieb, viele der Plattenbauten stehen ganz leer, aus den Rissen im Beton wachsen Gras und Birken, ganze Stadtviertel waren geplant, blieben unvollendet.