ZEIT ONLINE:  In Ihrem Pop-Up-Hotel schläft man auf dem Dach der Queen Elizabeth Hall in der Londoner Innenstadt. Das Gebäude sieht aus wie ein Boot und bietet gerade mal Platz für zwei Gäste und man kann nicht länger als eine Nacht bleiben. Ein komisches Hotel, das Sie sich ausgedacht haben, finden Sie nicht?

Fiona Banner:  Es ist auch kein wirkliches Hotel, eher ein überraschendes Bauwerk, in dem man eine Nacht verbringen kann – und zwar genau eine Nacht. Es wird für genau ein Jahr geöffnet sein. Es ist nicht nur ein Hotel, sondern soll eine Plattform für Schriftsteller aus Afrika, Amerika, Frankreich und der ganzen Welt sein, die eingeladen werden, hier Zeit zu verbringen, um über London und Londons Rolle in der Welt nachzudenken. "A Room for London" ist damit mehr als ein Hotel – und gleichzeitig weniger.

ZEIT ONLINE: Normalerweise kommt Kunst gegen viel Geld in die Wohnzimmer der Menschen. Bei Ihnen passiert exakt das Gegenteil: Da kommen die Menschen über Nacht zur Kunst.

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Wir wollen ja genau das: dass die Menschen Teil der Kunst werden und Teil der gesamten Erfahrung. So wird es auch eine Erzählung geben, die aus den Eindrücken entsteht, die Besucher und Schriftsteller in einem Logbuch hinterlassen. Diese Erzählung wird vor Ort geschrieben und erst nach einem Jahr abgeschlossen sein. Es ist quasi eine Kooperation zwischen dem Hotel und seinen Gästen.

ZEIT ONLINE: Was war die Idee hinter diesem eigenartigen Projekt?

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Ein großer Teil des Projektes werden Live-Berichte aus dem Internet sein. Im kommenden Jahr werden diverse Sänger, Musiker und Schriftsteller in unserem Boot "Room for London" leben und von dort senden. Das wird bestimmt seltsam: Das Boot ist so klein, dass es natürlich kein Livepublikum geben wird.

ZEIT ONLINE: Der komplette Name des Hotel lautet "A Room for London – Roi de Belges". Was hat er zu bedeuten?

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Die Idee bezieht sich auf das Boot, mit dem Joseph Conrad den Kongo River hinaufgefahren ist, eine Reise, die Conrad in seinem Roman Herz der Finsternis verarbeitet hat. Conrads Geschichte ist mittlerweile ja selbst eine Ikone. Durch sie kann jede Generation über sich selbst nachdenken. Die Geschichte wirft die Frage nach unserer Moral auf und zeigt ein eher zweifelhaftes Bild des Menschen.

ZEIT ONLINE: Was hat das mit Ihrem Hotel zu tun?

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Wir hoffen, dass diese Überlegungen eine Art Ausgangspunkt bilden. Wir schaffen eine Situation, in der Menschen über die Globalisierung, Handel und alle möglichen Dinge nachdenken, die heute relevant erscheinen.

ZEIT ONLINE: Man könnte auch denken, ein Boot auf einem Dach ist ein Statement zur globalen Erderwärmung. Eine Vorbereitung für den Tag, an dem das geschmolzene Eis der Polkappen London erreicht.

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Es ist mit Sicherheit so eine Wartesituation. Auch Joseph Conrad erzählt seine Geschichte, während er am Ufer der Themse feststeckt und auf die Flut wartet. Unser Boot steckt dagegen auf einem Dach am Southbank Centre fest. Mit einem Boot assoziiert man außerdem immer etwas Vorrübergehendes. Die Menschen, die in unserem Boot nächtigen werden, werden genau dieser Idee der Vergänglichkeit ausgesetzt. Die meisten Hotels versuchen, dass sich die Gäste wie zu Hause fühlen. Bei uns dagegen ist man sehr ausgeliefert. Das fanden wir interessant.

ZEIT ONLINE: Ein Schiff symbolisiert ja auch so ziemlich das Gegenteil von zu-Hause-Sein. Man ist unterwegs und eben noch nicht angekommen. Geht es Ihnen mit Ihrem Projekt auch um den Unterschied zwischen Reisen und Urlaub machen?

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Möglich. Reisen bedeutet ja eben im Fluss zu sein und Eindrücken ausgesetzt zu sein, während Urlaub heißt, möglichst beschützt zu sein und sich nicht kümmern zu müssen.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie mit diesem sehr kleinen und weithin sichtbaren Hotel auch erreichen, dass Ihre Gäste ein Gefühl der Einsamkeit inmitten der großen Stadt erfahren können?

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Ja. Der Teil von London, in dem das Hotel ist, ist sehr geschäftig und laut, rund um die Thames, um Waterloo und das Bank Centre. Das Boot aber ist festgemacht. Der Kontrast zwischen der Fragilität des Raums und der Gewalt der Stadt soll ein zentraler Teil der Erfahrung in dem Boot sein.

ZEIT ONLINE: Sind die Übernachtungen teuer?

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Nicht besonders teuer. Eine Nacht wird soweit ich weiß rund 120 Pfund kosten. Das Hotel soll tatsächlich jedem offenstehen.