Etwas stimmt hier nicht. Über uns sollte bald der Gipfel des Monte Cornacchia in den italienischen Abruzzen auftauchen. Zu sehen ist jedoch nur eine kleine Kuppe, die keineswegs stolze 2.003 Meter hoch ist, wie in der Karte für den Cornacchia eingezeichnet. Wir sind uns nicht sicher, wo genau wir sind – und wissen deshalb auch nicht, wo der Weg zur Berghütte führen sollte, in der wir hinter dem übernächsten Gipfel, dem 1.992 Meter hohen Tre Confini übernachten wollen.

Überhaupt macht uns dies schon den ganzen Tag Probleme: Keine Markierungen, keine Trittspuren, nichts deutet auf einen Bergweg hin. Selbst ein Hirte, den wir am Vormittag mit seinen Ziegen am Hang trafen, zuckte die Schultern. Einen Wanderweg? Nein, so etwas gebe es hier nicht. Aber den brauche man nicht, man könne doch einfach den Berg raufkraxeln, dann käme man schon zum Gipfel.

Das klingt logisch, erweist sich am weglosen Hang aber als Riesenproblem. Denn ein guter Weg umgeht schwieriges Gelände wie extrem steile Schotterhänge, an denen sich leicht Steinlawinen lösen, auch unter den Füßen der Wanderer.

Unsere topografische Karte zeigt solche Fallen auch nicht. Die Höhenlinien verkünden nur, dass der Anstieg in der ersten Hälfte überall ziemlich steil ist. Wir kämpfen uns langsam höher. In Gipfelnähe verrät uns später die Kombination aus den vom Höhenmesser angezeigten Metern über dem Meeresspiegel, den Höhenlinien in der Karte und dem Gelände vor unseren Augen zwar immer wieder, wo wir sein sollten. Doch leider stimmt unsere scheinbare Position auf der Karte nicht so recht mit der Realität vor unseren Augen überein. Der Höhenmesser behauptet, wir wären inzwischen rund 1.900 Meter hoch. Rechts vor uns ragt eine kleine Kuppe etwa 20 Meter höher in den Himmel. Ein breiter Kamm führt von dort zu einer Reihe weiterer Gipfel, die alle niedriger als die Kuppe neben uns scheinen. Und einen höheren Gipfel können wir nirgendwo sonst erspähen. Wo ist der 2.003 Meter hohe Monte Cornacchia und damit unser Weg zur Hütte?

Vielleicht können wir uns ja von der Kuppe vor uns ein wenig besser orientieren? Der Höhenmesser verkündet 1.920 bis 1.930 Meter. Da der Monte Cornacchia hier als einziger Berg höher als 2.000 Meter ist und wir weit und breit keinen höheren Gipfel sehen, müssen wir wohl richtig sein. Es kann nur eine Erklärung geben: Das Barometer hat 70 oder 80 Höhenmeter zu wenig angezeigt, weil sich das Wetter für unsere Sinne unmerklich geändert hatte.

Wie immer hatte ich am Morgen den Höhenmesser geeicht. Der registriert nämlich keineswegs die Höhe, sondern den Luftdruck. Eine Skala übersetzt diesen Wert in Höhenmeter. Ändert sich der Luftdruck, stimmt die Anzeige natürlich nicht mehr. Deshalb kann man das Gerät mit einer kleinen Schraube einstellen, wenn man an einem Ort ist, dessen Höhe man aus der Karte genau ablesen kann. Genau das habe ich im Tal dann auch getan. Danach aber muss der Luftdruck kräftig gestiegen sein, dem Wetter aber merkten wir davon nichts an. Weil wir am steilen Hang keine markanten Orientierungspunkte mit einer Höhenangabe in der Karte fanden, bot erst der Monte Cornacchia die nächste Gelegenheit, das Gerät wieder richtig einzustellen.

Wer mit einem Höhenmesser wandert, weiß das natürlich alles. Aber er rechnet oft nicht damit, dass sich zwar der Luftdruck kräftig ändert, das Wetter aber nicht. Fällt nach einer Schönwetterperiode zum Beispiel das Barometer stark, wird die Luft oft diesig und an den Gipfeln tauchen bald Wolken auf. Obendrein zeigt der Höhenmesser dann zu große Höhen an und man entdeckt den Fehler beim Aufstieg meist rasch: Zeigt das Gerät 50 Meter mehr an als der höchste Gipfel aufweist, hat man das Fliegen gelernt – oder der Luftdruck ist gefallen.

Im umgekehrten Fall wie bei unserer Tour in den Abruzzen entdeckt man den Fehler schon schwerer. Vor allem, wenn Karten nicht sehr zuverlässig sind. Dennoch ist der Höhenmesser bei mir auf längeren Wanderungen im Gebirge immer dabei. Auch in den 14 Tagen quer durch die Abruzzen gab es nur dieses eine Problem. Dabei sind markierte Wege dort Mangelware. Wenn sich der Luftdruck nicht rasch ändert, finde ich mit dem Höhenmesser auf der Karte meist rasch den Ort, an dem ich so ungefähr stehe. Da die Kompassnadel in Regionen wie Italien nach Norden zeigt, finde ich mit diesem Gerät rasch die Richtung zu zwei oder drei markanten Punkten wie Gipfeln oder Tälern auf der Karte heraus. Meistens weiß ich dann auch ohne sichtbaren Pfad genau, wo ich bin – und auch, wo es weitergeht. Und je länger ich unterwegs bin, umso besser funktioniert das Orientieren.

Zum Üben bieten sich die Abruzzen allerdings nicht an. Den Umgang mit Höhenmesser, Kompass und Karten trainiert man besser in Gegenden mit gutem Kartenmaterial. Auf Rügen zum Beispiel. Dort kann man den Höhenmesser gut eichen, wenn man zum Ostseestrand hinunter steigt. Der sollte nämlich so ungefähr auf Meereshöhe liegen.