Die Szene erinnert an einen Franco-Nero -Film. Eine Raststätte, die Sonne brennt heiß vom Himmel. Der Monsignore steigt aus seinem Fiat Panda, seine Kutte streift über den sandigen Boden des Parkplatzes. Er bestellt einen Caffè und trinkt ihn in einem Schluck, so wie es sich gehört. 68 Cent kostet der Espresso hier, und er schmeckt cremiger als in jeder Berliner Espresso-Lounge. Zwei Carabinieri fahren im Alfa Romeo vor. Sie verbeugen sich vor dem Priester, bestellen das Gleiche wie er. Der Priester mit dem Rosenkranz um den Hals und die Carabinieri mit den schwarzen Sonnenbrillen und den Pistolen an der Hüfte schauen auf die Schnellstraße, auf der die Autos vorbeirasen und schweigen.

Es ist nicht mehr weit bis nach Serra San Bruno, einem Städtchen in den Bergen , hier im Süden Kalabriens, wo der italienische Stiefel seine Sohle hat. Ganze 7.000 Einwohner hat Serra, es ist umzingelt von Wäldern, in denen Köhler auf traditionelle Weise Holzkohle herstellen, mit von Ruß verschmierten Gesichtern, so wie im Mittelalter schon. Und im Kloster aus dem 11. Jahrhundert horten die Mönche die Reliquien des Heiligen Bruno, einmal im Jahr tragen sie seine goldene Büste durch die Straßen der Stadt, so wie das die Väter der Großväter schon getan haben.

Serra San Bruno, eine Stadt fernab der Küste, fernab der touristischen Hotspots. Ein Stück kalabrisches Hinterland, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Wo die Menschen stolz sind, gottesfürchtig und schweigsam. Wohin sich nur ein paar Wanderer und Pilzesammler verirren.

Hinein in die Berge, ein paar Kilometer die Serpentinen hoch. Am Straßenrand wachsen Holunder und Oleander. Weinberge, Feigenbäume und Kakteenfelder wechseln sich ab. Auf holprigem Kopfsteinpflaster führt die enge Hauptstraße an den Häusern vorbei ins Zentrum der Stadt. Ein karges Rathaus, eine Bar, eine barocke Kirche, eine Bäckerei. Da wartet auch schon Bruno Tripodi, begrüßt einen mit Küsschen links und rechts, lässt die Hand gar nicht mehr los. Dann reckt er die Nase in die Luft und schnuppert. "Che profumo!" , sagt er. Welch’ ein Duft! "Die Wälder riechen auch gut, aber die Kohle, das ist der Geruch von Serra." Abends, wenn der Wind dreht, sei der Kohlengeruch am stärksten.

Bruno Tripodi ist so etwas wie der Stadtfotograf von Serra San Bruno. Obwohl ihm das Städtchen zu provinziell ist, wie er sagt, hat er es nie weggeschafft. Weil er es so liebt. Er ist auch so eine Art inoffizieller Stadtführer. Alles werde er einem zeigen, sagt er und lässt nun endlich doch die Hand los. Die Wälder, das Kloster. Aber als erstes die Köhler, gleich morgen früh. Es ist bereits dunkel geworden, die Pizza ai Funghi mit Pilzen aus den umliegenden Wäldern hat schläfrig gemacht. Es ist still in Serra San Bruno, still und kühl und in der Ferne, ja, da jault tatsächlich ein Hund.

Am nächsten Morgen, draußen vor der Stadt, ein Bild wie aus den Höllenversen der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Glut und Feuerfunken. Rauchschwaden steigen in den Himmel auf. Seit fünf Uhr morgens sind sie da, die Köhler, wie jeden Tag. Sie bauen runde Holzkuppen, bedecken sie mit Gras, Moos und Lehm. Drei bis vier Tage lang arbeiten sie daran. Im Inneren der Kuppen entzünden sie das Feuer, werfen daraufhin Holzstücke hinein, zwanzig Tage dauert es, bis sie zu Kohle werden. Dann beginnt die Arbeit wieder von vorne. Der Wald rundherum ist abgebrannt. Die Vögel zwitschern. Zwei Hunde streunen herum. "Welch’ eine fantastische Welt", sagt Bruno Tripodi und reckt die Nase wieder in die Höhe, um den beißenden Geruch einzuatmen.

Nazareno ist 48 Jahre alt. Seit er ein Kind ist, arbeitet er als Köhler. So auch sein älterer Sohn Angelo, der ihm hilft. Später kommt auch der jüngere Sohn Dante dazu. Er geht noch zu Schule, aber er kann es nicht erwarten, eines Tages auch Köhler zu sein. Doch es sieht nicht gut aus für diesen Berufsstand. "Wir bekommen immer weniger Geld und schuften immer mehr", sagt Nazareno im Dialekt, der das Süditalienische mit dem Griechischen mischt. Bruno Tripodi übersetzt. Lange wird es den Beruf in dieser Form nicht mehr geben. Ein halbes Dutzend Familien arbeitet hier noch. Es steht nicht gut um Kalabrien und um die Köhler schon gar nicht. Das Geld wird immer knapper und an Zuschüsse vom Staat ist nicht zu denken. "Aber wir sind stolz auf unsere Arbeit. Und wir sind frei. Hier befiehlt uns niemand etwas." 50 bis 60 Euro bekommen sie für den Zentner. Bis nach Sardinien, Apulien und in die Toskana wird die Kohle geliefert. Wie lange sie davon noch leben können, kann niemand sagen.

Der Blick reicht über die Wälder Kalabriens, am Horizont liegt das Meer. Im Norden das tyrrhenische, im Süden das ionische. Kalabrien ist die ärmste Region Italiens und eine der ärmsten Regionen Europas. Die frühere Kornkammer Roms war einst besetzt von den Griechen. Sie wurde erobert von den Byzantinern, von den Arabern, den Normannen, von Napoleon und den Bourbonen. Heute wird sie geschunden von der ’Ndrangheta , der kalabresischen Mafia, und abgeschrieben von den Parlamentariern aus Rom. Kalabrien, ein archaisches Land. Und hier in den Bergen ist es noch ein Stück archaischer, und die Menschen sind noch ein Stück stolzer als an der Küste.