Nachforschungen über den Ursprung des Wodkas verlieren sich im Alkoholnebel der Geschichte. Seine Geburtsstunde liegt irgendwo im 15. Jahrhundert, sein Geburtsort vermutlich in Russland, vielleicht aber auch in Polen. So genau ist das heute nicht mehr auszumachen. Verbürgt ist jedoch, dass unter Iwan dem Schrecklichen (1530–1584) in Moskau die ersten Trinkstuben eröffnet wurden. Dort durfte kein Essen serviert, der Wodka aber in Portionen zu 100 Gramm konsumiert werden. Diese Einrichtung hatte Erfolg und wurde bald auch in anderen Städten eingeführt, der Zar hielt sich an Trinksprüchen schadlos – und wohl auch an den Steuern. Noch heute wird in russischen Restaurants in Gramm gerechnet und nicht in Litern.

Peter der Große, Stadtgründer von St. Petersburg, war nicht nur ein Mann von mächtiger Statur, sondern auch im Trinken groß. Seinen Arbeitstag soll er regelmäßig mit einem Viertelliter Wodka begonnen haben. Die Wodkaproduktion kurbelte er systematisch an, um Gelder für seine riesigen Bauprojekte einzutreiben. Auch Katharina die Große, die von 1762 bis 1796 regierte, wollte nicht auf die Einnahmen aus den Brennereien verzichten. Zudem fand sie, dass betrunkene Untertanen einfach besser zu regieren seien. So hatte sich der Wodka schon tief in die russische Seele eingegraben und im russischen Körper einiges angerichtet, als der russische Staat um 1900 nicht nur das Monopol an sich riss, sondern sich auch daran machte, einen Qualitätsstandard einzuführen, sozusagen eine "appellation contrôlée". Der renommierte Chemiker Dmitrij Mendelejew, Erfinder des nach ihm benannten Periodensystems, begann Levels für die Herstellung und den Alkoholgehalt des Wodkas auszuarbeiten.

Die Kommunisten, die 1917 die Macht an sich rissen, meinten, eine alkoholisierte Arbeiterschaft fördere nicht die Steigerung der Produktion. Sie kämpften mit einigem Erfolg gegen den grassierenden Wodkakonsum. Trotzdem wurde im russischen Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen wie der Roten weiterhin kräftig Schnaps geschluckt, und bereits Mitte der zwanziger Jahre dachten die Kommunisten so pragmatisch wie zuvor die Zaren: Die staatlichen Einnahmen aus dem Wodkahandel waren eine nationalökonomische Größe und nicht zu verachten. So ging die Trinkerei munter weiter. Im Zweiten Weltkrieg bekamen die Soldaten ihre tägliche Hundert-Gramm-Ration, die den Kampfgeist stärken sollte und manchen in die Abhängigkeit führte.

Auch Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, entdeckte den vom Wodka angerichteten volkswirtschaftlichen Schaden: eine durchschnittliche Lebenserwartung des russischen Mannes von unter 60 Jahren, ganz zu schweigen von den alkoholbedingten Arbeitsausfällen. Mit seiner Kampagne gegen den Wodka – das begehrte "Wässerchen" war nur noch gegen Bezugsmarken und auf zwei Flaschen pro Monat limitiert zu bekommen – stieß er bei der Bevölkerung auf keine Gegenliebe. Die Bezugsmarken entwickelten sich schon bald zu einer Schattenwährung. Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin ließ dann den Wodka wieder fließen, auch in seine eigene Kehle. Über Wladimir Putin ist diesbezüglich nichts bekannt; er trinkt gerne Tee.

Die Wodkamarke Gorbatschow hat übrigens nichts mit dem ehemaligen russischen Präsidenten zu tun, sie ist älter als der Politiker. Ein Petersburger Wodkabrenner namens Leontowitsch Gorbatschow, den die Flucht vor der Oktoberrevolution 1917 nach Berlin verschlug, nahm dort seine alte Tätigkeit unter eigenem Namen wieder auf. Seine ersten Kunden waren in Deutschland gestrandete russische Flüchtlinge. Heute gehört Gorbatschow zu den meistverkauften Wodkas in Deutschland und ist im Besitz einer Sektkellerei. Selbstverständlich wusste die Firma nach 1989, als ganz Deutschland Michail Gorbatschow zujubelte, den "Gorbi-Effekt" im Marketing einzusetzen. Das verleitete ein paar Jahre später eine französische Firma, eine Marke Boris Jelzin zu lancieren – bis heute ohne nennenswerten Erfolg.

In St. Petersburg findet man im Supermarkt weder Gorbatschow noch Jelzin, dafür Putinka. Dieser Wodka kam drei Jahre nach Wladimir Putins Machtübernahme auf den Markt, und der Moskauer Hersteller versicherte scheinheilig, der Name würde sich auf "put" – russisch für Weg – beziehen. Eine Marke Medwedewka wurde russischen Quellen zufolge inzwischen beim Patentamt angemeldet.

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.