Die Verkehrsregeln in China sind simpel: Busse haben im Shanghaier Straßenverkehr absoluten Vorrang. Autos dürfen immer abbiegen, immer überholen und ständig hupen. Mofas dienen zur Bereicherung des Hupkonzerts, sind aber selten schneller als die Fahrräder. Diese haben statt einer Hupe eine Klingel und waren mein favorisiertes Fortbewegungsmittel, als ich dort wohnte.

Fußgänger haben fast keine Rechte, aber mit Ellenbogen, lautem Geschrei und Schubsen kommt man auch zu Fuß gut vorwärts. Polizisten dagegen versuchen erfolglos Ordnung in das Chaos zu bringen. Einmal standen sogar drei auf einer Kreuzung und doch passierten zeitgleich drei Auffahrunfälle.

Jeden Morgen machte ich mich gegen acht Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit. Da Chinesen Begriffe wie Gleitzeit oder freie Arbeitseinteilung nicht kennen, sind die Bewohner Shanghais jeden Tag zur gleichen Zeit auf den Straßen unterwegs.

Zwischen Hunderten von Fahrradfahrern kurvte ich an dem Morgen dahin, überholte ein paar Lastenfahrräder mit Schweinehälften, Wasserfässern und lebenden Hühnern und eine Frau, die so langsam fuhr, dass sie fast umkippte.

Und an jeder Ampel vor mir waren wieder Fahrräder, Fußgänger und Mofas, hinter mir nochmal so viele. Und dazu kamen die ganzen erstaunten Chinesen, die mir, der Frau mit den blonden Haaren, hinterherschauten. Ein Autofahrer vergaß an diesem Morgen sogar das Bremsen und fuhr auf mein Fahrrad auf.

Es passierte nichts weiter und wir beide amüsierten uns über den Vorfall. Zwanzig Minuten später kam ich schließlich wohlbehalten auf der Arbeit an und stellte mein Fahrrad zwischen die geschätzten zweihundert anderen. Das ist mittlerweile fast zehn Jahre her, noch immer muss ich lachen, wenn ich an diesen Tag denke.