Mulhouse entspricht nicht dem Klischee, das viele vom Elsass haben. Nicht pittoreskes Fachwerk dominiert, sondern architektonische Vielfalt – vom Mittelalter über die Renaissance und Gründerzeit bis in die Moderne. Insbesondere in der Oberstadt finden sich zahlreiche Zeugnisse der Industrialisierung, als man alte Gebäude zu Manufakturen umgestaltet hat.

Der elsässische Dialekt hat in Mulhouse eine besonders starke alemannische Färbung, in den Restaurants stehen Spezialitäten wie Fleischschnaka (mit Hackfleisch gefüllte Teigrollen), Sürlawerla (geschnetzelte Kalbsleber in sauer abgeschmeckter Sauce) und Carpe frite (in Öl ausgebackener Karpfen) auf der Karte, und immer wieder ist die Schweiz ganz nahe. Bei einem Spaziergang durch das historische Zentrum von Mulhouse, einst freie Reichsstadt in der Eidgenossenschaft, entdeckt man vielfältige Spuren dieser Geschichte.

Das Herz der Stadt bildet die belebte Place de la Réunion, wo 1798 der freiwillige Anschluss an Frankreich mit viel Enthusiasmus gefeiert wurde. Schmale und breite, hohe und niedrige Häuser in verschiedenen Baustilen und Farben umgeben den Platz und bilden zusammen mit der Stephanskirche ein reizvolles Ensemble. Sein Schmuckstück ist aber das prächtige, farbenfrohe Renaissancegebäude des Hôtel de Ville aus dem Jahre 1552.

An der rechten Schmalseite hängt eine Nachbildung des sogenannten Klappersteins. Damit bestrafte man in der Vergangenheit Lästermäuler auf besonders drastische Art und Weise. War ein Bürger der üblen Nachrede für schuldig befunden worden, wurde er – so erzählen es die Mühlhausener ihren Kindern heute noch – in ein weißes Gewand gesteckt, musste sich den Klapperstein umhängen und wurde, rückwärts auf einem Esel sitzend, durch die Stadt geführt und so bloßgestellt. Zum letzten Mal soll dies im Jahre 1781 geschehen sein. In einem Vers unter der Nachbildung des fratzenförmigen Steins erklärt dieser seine Funktion: "Zum Klapperstein bin ich genannt, den bösen Mäulern wohl bekannt. Wer Lust zu Zank und Hader hat, der muss mich tragen durch die Stadt."

Mulhouse ist zu recht stolz auf seine vielen technischen Museen. Am bekanntesten ist die Kollektion Schlumpf, die mit etwa 400 Fahrzeugen als die größte Automobilsammlung der Welt gilt. Darunter sind Raritäten von Bugatti, Citroёn, Rolls Royce, Mercedes Benz und anderen klingenden Marken, die das Herz eines Autofans höher schlagen lassen. Auch das Eisenbahn- und Elektrizitätsmuseum ist ein guter Anlaufpunkt für Technikbegeisterte. An die Zeiten, als die Textilindustrie Mulhouse prägte, erinnert das Stoffmuseum. Hinzu kommen eine Gemäldesammlung, ein historisches Museum und, im Vorort Rixheim, außerdem noch skurrilerweise ein Tapetenmuseum.

So vielfältig wie die Sehenswürdigkeiten von Mulhouse ist auch die Bevölkerung, die einen ausgesprochen hohen Ausländeranteil aufweist. Ein Spaziergang über den an einen orientalischen Basar erinnernden Wochenmarkt am Canal Couvert gehört deshalb zum Beeindruckendsten, was die multikulturelle Stadt zu bieten hat: Hier treffen sich Anbieter aus vielen Ländern und die bunt gemischte Käuferschaft aus Einheimischen, badischen Grenzgängern und nordafrikanischen Fremdarbeitern.

Die Mulhouser Marktleute preisen lautstark ihre Tomaten, Salatköpfe und die für die Region typischen länglichen Radieschen an – abwechselnd auf Elsässisch und Französisch. Beim Herumschlendern steigt der Duft frischer Pfefferminze und Koriander in die Nase. Am entsprechenden Stand wählen Tunesier, Marokkaner oder Algerier, oft mit Djellaba und Turban bekleidet, die schönsten Büschel aus, halten einen Plausch mit Freunden aus der alten Heimat und gehen weiter zum Stand des Elsässer Gemüsebauern nebenan.

Einen ganz persönlichen Zugang zur Entdeckung der Stadt bietet seit einiger Zeit das Office de Tourisme mit dem so genannten Greeter Network an. Greeter sind Einheimische, die sich kostenlos mit Touristen – Einzelpersonen wie Kleingruppen – auf den Weg durch ihre Stadt machen. Bewusst soll sich dieses Angebot von einer professionellen Führung abheben. Vielmehr bietet der Greeter Themen an, die seiner Neigung oder seinem Erfahrungsbereich entsprechen: Vom Gang über den Markt, über Besuche von Museen, Radtouren oder Wanderungen im Umland bis hin zu gemeinsamen Abendessen in einem elsässischen Spezialitätenlokal ist alles dabei.

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.